Samstag, 25 November 2017

Reis Reis Baby

Genialer Titel! So phantasievoll und verschnörkelt habe ich noch nie etwas zuvor in meinem Leben benannt. Es geht hierbei allerdings um … Reis. Also wozu drumherum labern? Das weiße Gold des fernen Ostens? Meh. Salz ist schon das weiße Gold und das hat es weltweit zu sein! Ein Leben ohne Salz – kann man sich mal bitte vorstellen, wie schnell man dann tot wäre? Lächerlich! Um Salz soll es hier aber nicht gehen. Ich mag übrigens den Märchenfilm „Der Salzprinz“. Ob es ein Reis-Äquivalent in Fernost oder Indien gibt?

Warum in aller Welt sitze ich hier, an einem wundervoll regnerischen Samstachmorgen und möchte über Reis erzählen, anstatt ein weiteres Wraithkapitel zu verfassen? Weil es bei den Wraith gerade hakt. Das passiert immer, wenn ich über vier Kapitel auf Vorrat habe. Ohne Druck schreiben ist ja auch langweilich, nech? Ich sollte aufhören so zu schreiben, wie ich nicht mal rede. Reis, also. Reeeeiiiis! Genug des Vorspiels.

So weit ich mich entsinne, war Reis nie großer Bestandteil des deutschrussischen oder abchasischen Nahrungsplans. Wenn bei uns Reis auf den Tisch kam, dann als Plov – ein ehemals orientalisches Gericht. Wir Slawen haben es ein wenig bastardisiert. Es besteht aus Fleisch, Reis, Möhren und Zwiebeln. Gemüse und Fleischwüfel brutzeln, Reis dazu, mit Wasser (oder Brühe) aufgießen und kochen, bis das Wasser wech ist und danach noch zwanzig Minuten auf mittlerer Flamme drin herum rühren. Einfach zuzubereiten, aber lecker. Die Fleischart variiert. Durch meinen Gendefekt, der es mir verwehrt schafiges oder ziegiges Fleisch runter zu bekommen, macht man es, wenn ich mit an der Tafel sitze, mir zu Liebe entweder mit Geflügelfleisch (sehr gut!) oder mit Rind (was ich dann ebenso wenig esse wie Hammel, weil ich den Geschmack nicht sonderlich mag. Bringt mich halt um, nur weil ich ein Fleischbanause bin).

Warte, es sollte eigentlich nicht um Rezepte aus der russischen Küche gehen. Reis! Plov war so ziemlich das einzige Gericht mit Reis, das je bei uns auf den Tisch kam. Reis als Beilage gab es in Russland, wenn überhaupt, dann nur sehr selten. Eben Vaddern gefragt, um sicher zu gehen, dass ich hier keinen Müll erzähle. Er sagte ebenfalls, dass Reis unpopulär in der Sowjetunion war – außer eben in Plov. Oder in Suppe, was aber so richtig ärmliches Essen war, wenn man sonst nichts mehr hatte. Danach hat er, ohne Umwege, sein Lieblingsthema angeschnitten – Verdauung. Ich weiß mehr über den Stuhlgang meines Vaters als über meinen eigenen. Erst als wir in Deutschland lebten, kam Reis häufiger als Beilage auf den Tisch und ersetzte zuweilen die üblichen Kartoffeln. Meist in den Beuteln, weil die so bequem waren. Auch als ich das Kochen in der Familie übernahm, weil ich ja da war und die Eltern arbeiteten, habe ich seltenst losen Reis zum Kochen gekauft – die Einkäufe übernahm ich natürlich auch, da die Küche zu meinem Herrschaftsgebiet wurde. Zumindest solange die Eltern berufstätig waren. Danach siegte die Dunkelheit und nicht mal Kochen und Backen bereitete noch Freude.

Warum widme ich nun also einen ganzen Blogeintrag diesem Korn, von dem die meisten Menschen nicht mal wissen, wie es erntereif aussieht? Weil ich es endgültig für mich entdeckte. Vor vielen Jahren, als ich noch jung und bunthaarig war und Kontakt mit einer ehemaligen Parallelklassenkameradin hatte, der sich allerdings eher nach der Schulzeit einstellte, beziehungsweise nachdem sie nicht mehr in der Parallelklasse war, da wollte sie unbedingt nach Stuttgart. Sie mochte es übrigens mit mir herum zu ziehen, weil sie meinte: „Neben dir kann man sich alles an Kleidung trauen, weil eh immer alle dich anstarren werden.“ Grüne Haare auf dem Land. Jep, da traute sie sich sogar ein Nietenhalsband zu tragen, was sie sonst nie täte. Ich weiß nicht mehr warum sie an jenem Tag nach Stuttgart wollte, aber hey, warum nicht? Damals machte man das halt des Öfteren spontan. Zugverbindung ist ja da und gut, die Strecke von 100 Minuten kannte man auch schon auswendig – also fuhr ich mit. Als es Richtung heimwärts ging, holte sie sich am Bahnhof beim Asiaten irgendein Mitnahmefutterzeugs. Im Zug verköstigte sie es also und als sie fertig war, war sie im Begriff den Reis weg zu schmeißen. Ich fragte sie, ob sie verrückt sei. Lebensmittel wegschmeißen ist so eine Sache, die mir nur schwer übers Herz geht. Diese Frage verdatterte sie. Reis war doch nur eine Beilage, die man pur nicht essen könnte. Sie überließ mir den Reis und ich bewies ihr das Gegenteil. Ich mochte Reis auch pur ganz gerne, obwohl ich nicht damit aufgewachsen bin. Bei Vanille hat sich dieser Trend bis heute nicht eingestellt.

Damals verliebte ich mich aber noch ein wenig mehr in dies’ Getreide. Es schmeckte so zauberhaft, wie ich Reis gar nicht in Erinnerung hatte. Also kaufte ich, bei der nächsten Lebensmitteljagd, wieder welchen und war enttäuscht, weil der Geschmack ein anderer war. Wieder so ein fader Beilagenscheiß. Was wusste ich denn von Reissorten? Gut, ich wusste auch bis vor Kurzem nur, dass es halt Reis gibt. Und Parboiled Reis. Und wilden Reis, der gar kein Reis ist – so, biologisch betrachtet. Und Vollkornreis gab es. Den habe ich probiert und er war nicht mein Fall. Ich war enttäuscht, denn Vollkornnudeln finde ich weit leckerer als die weißen Gesellen der Ei-Mehl-Beilage.

Und dann hatte ich, vor einem Weilchen, richtig üblen Bock auf irgendein Gemüse-Reis-Gericht. Bevor ich mir da aber Rezepte ansah, dachte ich über Reis nach. Von Jasminreis habe ich mal gehört und Basmatireis. Aber das Zeug ist ja einfach immer nur weiß und sieht – bis auf Milchreis – auch meist sehr ähnlich bis gleich aus. Auf den ersten Blick. Was sind nun also die Unterschiede? Ich tat das, was ein Informatiker am Besten kann: Google nutzen. Die Suchmaschine führte mich zuverlässig auf diverse Seiten und ich konnte meine Neugier stillen. Es gibt sogar ein Reis-Komitee, das beschließt, was sich Basmati nennen darf und was nicht. Und das Zeug soll nussig duften, wenn es kocht. Ich habe ein enormes Problem mit der Behauptung etwas würde „nussig“ duften oder schmecken. Das traf noch NIE zu, wenn ich es dann probierte, also ignorierte ich Basmati und wandte mich Jasmin zu. Der Reis soll also nach süßlichsten Blüten duften, wenn er gekocht wird und auch leicht danach schmecken? Das war eine schwierige Vorstellung, obwohl ich meinen Jasmintee natürlich abgöttisch liebe. Dennoch wollte ich nachsehen, ob es denn nicht Jasminreis in dem Laden gäbe.

Gab es. Ich kaufte also ein Kilogramm und schaute zuvor auch nochmals, wie man Reis denn nun richtig kocht. Reisbeutel benutze ich seit Jahren nicht mehr. Außer ich mache Dolma – noch so ein slawisch bastardisiertes Gericht. Nennen wir es einfach Krautwickeln. Oder Kohlrouladen. Wo da der Reis ist? Na vermischt mit dem gewürzten Fleisch und den Zwiebeln in den Weißkohlblättern, die man erst anbrät und dann mit Brühe auffüllt und weich kocht. Ich weiß nicht genau, was ich so anders mache als die Frauen in meiner Verwandtschaft, aber eine meiner Basen1 schwört darauf, dass ich die „beschde Dolma“ mache, die sie je aß. Bei mir, so ihr Qualitätgütemerkmal, isst sie nämlich sogar das Kraut mit. Mittlerweile hat sie die gesamte Verwandtschaft der väterlichen Seite mit dieser Behauptung angesteckt. Na ja, zumindest die nahe – also Onkel, Tanten und deren Anhänge. Gut, das Lob nimmt die Köchen natürlich schmunzelnd entgegen, während sie sich wie eine Honigkuchenpferdeherde darüber freut, dass sie die Verwandtschaft mit ihrer doch eher durchschnittlichen Kochkunst derart verwöhnen kann. Ein Mal im Jahr, zumindest. Öfter kann man sich den Aufwand Dolma zu machen nicht ernsthaft geben.

Neulich, als ich den Geburtstag doch noch nachfeierte, leistete mir meine Patentante, meine deutsche Ira (auf deutsch Irene), beim Kochen Gesellschaft. Na gut, sie hatte das mit dem Gesellschaft leisten nicht so ganz verstanden und fragte so oft, womit sie mir helfen soll, dass ich ihr dann doch Aufgaben gab, anstatt sie an den Stuhl zu fesseln und ihr eine Valium zu verabreichen, damit sie sich endlich entspannt. Aber eigentlich hatte ich sie gefragt, ob sie nicht wirklich nur zur Gesellschaft kommen könnte. Ich vermisste Mama natürlich mal wieder aufs Schmerzlichste und ich musste daran denken, dass sie das oft tat. Sie saß am Küchentisch, während ich herum wuselte und unterhielt mich. Wir lachten und ich erfuhr so viele Geschichten aus ihrer Jugend. Es war wundervoll und das vermisse ich mitunter am Meisten. Immer, wenn ich Pelmeni (slawische Maultaschen, die wie Tortellini aussehen, aber nicht aus Nudelteig gemacht werden und mit Zwiebel-Hack gefüllt sind, in Brühe gekocht werden, bis sie oben aufschwimmen und mit Schmant verköstigt werden) machte, rief ich sie an und fragte sie, ob sie rüber kommt. Manchmal half sie zwar, aber deshalb rief ich sie nie. Ich wollte einfach, dass sie mit mir redet und lacht, während ich den Aufwand betreibe bis zu 80 Pelmeni herzustellen, um sie einzufrieren und binnen einer Woche wegzufressen. In Sibirien hat sie immer (nicht metaphorisch, sondern wörtlich) eimerweise Pelmeni gemacht, die standen dann in der Gefriertruhe, also auf dem Balkon bei bis zu minus 60 Grad Celsius, und man hat sich immer eine Handvoll genommen, wenn man mal keine Lust hatte aufwendig zu kochen.
Seit meine Mutter tot ist, habe ich keine Pelmeni mehr gemacht.

Obwohl ich den Geburtstag nicht an meinem Geburtstag feierte, drohte es mich dennoch die gesamte Woche über zu ersticken. Am Bergfesttag, hatte ich eine wundervolle Idee: Ich fragte Irene, ob sie nicht am Sonntag vorbei kommt. Sie wollte eigentlich am Samstag etwas mit mir unternehmen, nur wir beide. Wir wussten aber nicht was. Im Kino lässt sich so schlecht plaudern und in Restaurants gehe ich sowas von ungerne. Sie wollte mir ganz offensichtlich was Gutes tun und dabei eben Zeit mit mir verbringen. Also erzählte ich ihr davon, dass Mama sonst bei mir gesessen wäre, während ich das Geburtstagsessen zubereite, und dass ich das vermisse. Ich fragte sie, kleinlaut, weil es mir doch schwer fällt um etwas zu bitten, ob sie mir nicht Gesellschaft leisten könnte. Sie tat es und obwohl es natürlich nicht vergleichbar war, war es sehr schön. Es gab mal wieder Dolma und als ich den Kohl im heißen Wasser malträtierte, damit er seine Blätter am Stück freigab und darauf achtete mir nicht alles zu verbrennen, wenn ich ihn mit meiner „zwei Gabeln und ein Pfannenwender“-Technik aus dem blubbernden Wasser zog, sagte Irene, dass sie gestehen müsste, dass ihr Dolma viel zu viel Aufwand sind und sie dieses Gericht deshalb absolut nicht gerne macht. Ich lachte leise, als sie erwähnte, dass ich ruhig jedes Jahr Dolma machen kann, als ich meinte, dass ich ja auch mal variieren möchte und nicht jedes Jahr das gleiche auf den Tisch bringen will. Sehr zauberhafte Weise, um zu sagen: „Die schmecken doch so gut bei dir. Außerdem komme ich ja sonst nicht dazu welche zu essen.“ Allerdings bin ich ziemlich abgehärtet worden, was die Zubereitung angeht. Dolma sind nämlich das Lieblingsgericht des Vadderns. Er kennt selbstverständlich den immensen Aufwand, der damit verbunden ist. Dennoch kam er hin und wieder mit einer Packung Hackfleisch in der einen und einem Kohlkopf in der anderen Hand vom Einkaufen zurück und sah mich mit diesen eisblauen Augen wie ein alter Welpe an, das verschmitzte Lächeln auf den Lippen. Er musste die Frage nie aussprechen und ich machte ihm Dolma.

Dolma werden übrigens trocken, wenn man den Reis nicht richtig übel durchkocht, bis er kein Wasser mehr aufnehmen kann. Mörderüberleitung! Zurück zum Thema Reis. Für Dolma nehme ich übrigens durchaus noch Reisbeutel, weil er nicht sooo viel zu dem Geschmack beiträgt. Nu aber ernsthaft, zurück zum Thema: Jedenfalls las ich, wie man denn nun Reis „vernünftig“ kocht. Habe den losen immer im Wasser gekocht und den Rest dann weg gekippt, aber das war immer so ätzend mit den Körnern, die im Durchschlag stecken blieben und haste nicht gesehen. Ich wollte wissen, wie diese Quellreismethode geht, von der ich des Öfteren auf den Verpackungen des Getreides las. Also wälzte ich Reiskoch-Erfahrungsberichte. Sehr viele Menschen schaffen es Reis anbrennen zu lassen. Ich denke für diese Menschen ist kochen vermutlich aber auch: Herd auf höchste Stufe, alles in den Topf, nach der Kochzeit wieder in die Küche gehen und Herd ausmachen. Kann man machen, sollte man nicht unbedingt, weil… dann brennt der Reis an. Quellreismethode klang echt bequemer als das Geaffe, das ich bisher veranstaltete, wenn es doch mal Reis gab, obwohl er nie wieder so schmeckte, wie im Zug. An diesen Geschmack habe ich mich wirklich oft zurück erinnert und gesehnt.

Das Päckchen Jasminreis warf ich also, na ja, nur eine Tasse davon, in den Topf und kippte zwei Tassen heißen Wassers hinterher. Ich rührte um und stellte fest, dass er jetzt schon am Topf pappte. Vielleicht erklärte sich so das Anbrennen. Ich ließ das Wasser aufkochen, rührte noch mal um – siehe da, alles gut, nichts klebt mehr – und zog die Augenbrauen unzufrieden zusammen. Die Menschen, die behaupten, dass Jasminreis beim Kochen ganz sacht nach Jasmin duftet, haben offensichtlich noch nie an den beschissenen, zauberhaft hübschen, weißen Blüten geschnüffelt! Ich war enttäuscht. Zu Tiefst! Ich zog sogar die Dose mit dem Jasmintee (junge, grüne Teetriebe mit getrockneten Jasminblüten und kein aromatisierter Beutelkack) aus der Schublade, um zu vergleichen. Nope. Definitiv kein Jasminduft. MENTIROSO!

Aber… Nanu?! Nanu?! Hier ist ja alles bunt! Nanu?! Was weißes fliegt herum… Nee, falscher Text. Aber diesen Ausruf der Verwunderung, den ich ansonsten seltenst (im Sinne von nie) nutze, schwirrte mir tatsächlich durch den Kopf. Dieser Duft… definitiv und sowas von kein Jasmin, aber er riecht, wie der unfassbar leckere Reis aus dem Zug schmeckte! Ich erstrahlte vor Freude und Glück. Deshalb war ich also immer so enttäuscht gewesen. Es war gar kein gewöhnlicher Billigreis, den das Restaurant damals großzügig der Bekannten als Beilage mitgab. Es war Jasminreis! All die Jahre der Sehnsucht wurden an diesem Abend gestillt und ich fraß das Zeug größtenteils pur, bis ich mich daran erinnerte, dass ich ja auch Gemüsezeug gemacht hatte. Oh diese Herrlichkeit der endlich befriedigten Geschmacksknospen! Das war zwei Wochen her und seither habe ich zwei Kilogramm Jasminreis weg gefressen. Die nächste steht im Schrank. Mit zur Arbeit, Abends, mit Joghurt und Pfirsichmarmelade (von meinem Pfirsichbaum, der übrigens noch lebt. Mal sehen, ob er das nächste Jahr auch noch packt), in allen möglichen Variationen! Und mit Hähnchen-Ananans-Curry. Als ich das kochte, zaghaft probierte und mich anschließend großzügig daran überfraß, schrieb ich einer Bekannten eine Nachricht über Threema (das ist das bessere, weil Datenschutz ernst nehmende, WhatsApp): „Chicken-Ananas-Curry mit Jasminreis. Ich weiß nun, wie Glück aussieht. <3“ Und einer anderen Bekannten, mit der ich gerade in reger Rollenspiel-Korrespondenz stand, schrieb ich, dass ich nun, nach dem ich das kostete, sterben könne. Meine Fresse war das lecker. Und lässt sich auch wunderbar zur Arbeit mitnehmen.

Deshalb geht es hier so viel um Reis! ICH HABE IHN WIEDERGEFUNDEN! Jedes Mal, wenn ich ihn koche, bin ich einfach glücklich. Es ist sicherlich nicht die letzte Sorte, die ich koste, auch wenn ich den Himmel schon gefunden habe, denn ich habe bei meiner Recherche gesehen, wie verflucht viele Reissorten es gibt. Roten und schwarzen Reis, sogar lila Reis und was nicht alles. Nun bin ich neugierig. Der Jasminreis wird aber definitiv ein Dauerkandidat meiner Vorratsgläser, die da auf dem Kühlschrank stehen, Besuch begeistern, weil es ja so toll aussieht, und den Anschein erwecken, dass ich mein Leben im Griff hätte.

Warum ich, nachdem ich alle anderen Gerichte so gut beschrieb, dass ein begnadeter Koch sie nachzaubern könnte, bei diesem Curry inne halte und es nicht teile, ist eine Frage, die simpel zu beantworten ist: Dem imaginären Leser fehlt eine Zutat dafür, die sehr viel zu der Köstlichkeit beiträgt. Dort, wo sie herkommt, nennt man sie „abchasische Butter“. Eine pikant-scharfe Chilli-Kräuter-Paste, die man zwar mittlerweile in russischen Läden kaufen kann, die aber meilenweit von dem Original entfernt ist. Ich habe mir vorgenommen, dass Larissa mir beibringen muss, wie sie ihre „Adschika“ immer macht, weil meine Fresse, man erkennt ihre Version allein am wundervollen Duft. Ein Teelöffel davon und das Curry ist Perfektion. Sobald Larissa mir ihr Rezept verraten hat und ich wieder mit drei Kilo davon in Deutschland bin, muss ich mal versuchen es nachzubereiten. Mama hat öfter mal versucht in Deutschland Adschika herzustellen, aber es schmeckte nie nach Abchasien. Ich hoffe, dass ich in Deutschland überhaupt an alle Zutaten rankomme. Koriandersamen sind so eine Sache… Ich finde in den umliegenden Supermärkten ja nicht mal frischen – außer im russischen Laden, der aber zwanzig Kilometer entfernt ist. Zwanzig Kilometer für ein Bund Koriander? Wozu habe ich einen Garten? Somit ist auch das K-Samenproblem gelöst. Allerdings habe ich zur Not ja noch das Internet. Sobald ich jedenfalls Larissas Adschika surrogieren kann, kann ich es nicht nur mit allen Mitbürgern teilen, die mir mehr oder minder ans Herz gewachsen sind, sondern auch das Rezept dazu in die Welt posaunen, damit jeder etwas davon hat, der niemals diesen Blog findet. Muahahah! Dann gibt es auch das Curry-Rezept, bei dem jeder Inder im Grab rotieren würde (selbst die Lebenden), weil man es wagt das als Curry zu bezeichnen. Aber hey, es sind drei Teelöffel des Gewürzes drin… Und ein Teelöffel Adschika. Wenn ein Löffelchen voll Adschika bitt’re Medizin verschärft, ja Medizin verschärft, Medizin verschärft, wenn ein Löffelchen voll Adschika bitt’re Medizin verschärft, rutscht sie gleich nochmal so … Wasser! Ich brauche Wasser zum Löschen!

Aber ansonsten ist die abchasische Butter echt gut. Ährlich!

 

1 Nach Jahren, in denen mir die Worte „Cousin“ und „Cousine“ nur schwerlich über die Lippen und Finger kamen, weil ich den Klang äußerst abstoßend finde, beschloss ich, sie aus meinem Wortschatz zu bannen. Vetter und Base! In your face! Ausgelöst durch den forensischen Brieffreund, der in der letzten Korrespondenz seinen Vettern erwähnte, ich mich daraufhin fragte, wie man noch mal den weiblichen Vetter nennt und dem anschließenden Beschluss, dass die französischen Worte ausgedient haben. Haut ab! Ab mit euch über die Grenze in das große Land am Atlantik, dessen Landschaften ich unglaublich gerne mal besuchen würde! Die des Landes, nicht die des Atlantiks, versteht sich. Obwohl… wo lag noch mal der Marianengraben? Auf der anderen Seite. Natürlich. Story of my fucking life!

Samstag, 18 November 2017

Maria

Mama hatte einen Regenschirm, den sie gerne als Gehstock nutzte. Mit der Zeit begann er zu rosten und sah nicht hübsch aus. Kurz vor ihrem Geburtstag, fuhr ich die Läden ab und suchte nach DEM Regenschirm für sie. Ich fand einen, der wirklich, wirklich groß war und einen gebogenen Griff hatte, ganz wie ein Gehstock. Außerdem sind die Abstände zwischen den Speichen mit verschiedenfarbigen Stoffen bezogen, so, dass man einen Regenbogenkreis erhält, wenn man den Schirm in geöffnetem Zustand schnell dreht. Ich freute mich, packte ihn ein und schenkte ihn ihr. Auch sie freute sich, allerdings erwies sich der Schirm für den Alltagsgebrauch dann doch als zu groß. Sie nutzte ihn dennoch des Öfteren. Als Mama starb, nahm ich den Schirm zu mir. Ich, die nie einen Regenschirm besaß, weil sie den Regen viel zu sehr liebte, um ihn von sich fern zu halten. Diesen Regenschirm konnte ich aber einfach nicht bei Papa zurück lassen. Ich weiß nicht warum, aber ich hatte ein ganz dringendes Bedürfnis ihn zu mir zu nehmen und wenn ich ihn niemals benutzen würde. Dann spielte er aber doch eine Rolle, die seiner Größe entsprechend war. Der Praktikumsbetrieb meiner Umschulung war zehn Minuten Fußmarsch entfernt. In zehn Minuten könnte man am Bahnhof in München einsteigen und äh… oder aber auch komplett durchnässt werden. So macht es weniger Spaß acht Stunden da zu sitzen. Als es also an diesem einen Tag regnete und es auch so kühl draußen war, dass der Regen beim Dasitzen im Büro unangenehm wäre und nicht einfach trocknen würde, nahm ich den Schirm und ging los.

Auf meinem Weg überquerte ich täglich zwei Mal eine stark frequentierte Kreuzung und wartete geduldig bei der Fußgängerampel. So geduldig, dass ich nach wenigen Tagen wusste, wann sie auf grün schalten würde. Also stand ich da und beobachtete den Verkehr. Zwei Frauen traten zu mir, beide unter einem kleinen Schirm. Die kleinere, ältere von ihnen sagte, dass meiner wenigstens ein vernünftiger Regenschirm wäre. Als die Ampel grün wurde, hakte sie sich einfach bei mir unter und ich kam mit den Beiden ins Gespräch. Maria stellte sich also erst vor, nachdem sie sich bei mir eingehakt hatte.Fatma oder Fatima, ich bin mir nicht mehr ganz sicher, hieß die andere Schirmherrin. Die restlichen acht Minuten ging es beinahe ausschließlich um den Regenschirm, wie toll er sei und wo ich ihn gekauft hätte. Ich war geneigt – da ich ihn doch sowieso so selten bis gar nicht brauche, Fatima zu sagen, dass wir tauschen sollten. Sie gibt mir ihren kleineren und hält dafür den Regenbogenschirm in Ehren. Übers Herz brachte ich es dennoch nicht.

Hin und wieder sah ich Maria morgens auf meiner Strecke. Sie saß dann meistens beim Café des Bäckers und winkte mich zu sich. Ich schüttelte allerdings jedes Mal den Kopf, deutete auf die Uhr und sagte, ohne es laut auszusprechen: „Arbeit“. Nach Wochen rannte ich ihr am Talplatz über den Weg. Sie fragte mich, wo ich wohnte und ich deutete vage in die Richtung. Auf die Frage hin, ob ich ein Zimmer an sie vermieten würde oder jemanden kenne, der Mieter sucht, musste ich verneinen. Wir sahen uns auch ein anderes Mal wieder und immer plauderte man für ein paar Minuten. Ein Mal sagte sie, ich solle meine Haare um die Hälfte abschneiden, das würde besser aussehen. Wochen, wenn nicht gar Monate, später, stand ich vor dem Duschen vor dem Spiegel und betrachtete die achtzig Zentimeter an zu viel Wolle. Ich dachte gar nicht lange nach und schnitt einfach was davon ab. Und dann mehr und mehr. Als ich fertig war, waren wohl 50 Zentimeter weg und ich musste schmunzeln, weil mir beim Anblick der abgeschnittenen Haare Marias Kommentar über die Länge einfiel. Ich glaube Maria ist Italienerin, auch wenn sie nicht so viel gestikuliert beim Reden. Vielleicht also doch eher aus den östlicheren Nachbarstaaten. Sie ist eine kleine, ältere Frau, mit einem sehr offenen, herzlichen Blick.

Nachdem mein Praktikum zu Ende war, begegneten wir uns nicht mehr. In erster Linie natürlich, weil ich diese Strecke nicht mehr täglich zwei Mal ging. Als ich eines Tages aus dem Haus trat, ging sie gerade an meiner Haustüre vorbei. Es war eine freudige Überraschung. Wir plauderten ein wenig und sie fragte, ob ich zur Miete wohnen würde. Ich sagte, dass ich das täte und deutete auf das Haus nebenan. Sagte, da wohnt mein Vermieter. Sie hielt inne und sagte: „Ich kenne den Mann. Seine Frau ist gestorben.“ Ich nickte und sagte, dass er mein Vater ist und sie meine Mutter war. Ich habe noch nie erlebt, dass ein doch fremder Mensch so reagierte, wie Maria auf diese Worte. Maria und ich sahen uns immer nur für wenige Minuten und das nicht sehr häufig. Wir redeten nie über wirklich Tiefschürfendes. Als sie aber hörte, dass es meine Mutter war, sammelten sich augenblicklich Tränen in ihren Augen und sie sagte: „Scheiße!“ Das machte sie mir natürlich augenblicklich sympathisch – also der Kraftausdruck. Die Tränen berührten mich, weil wir uns doch kaum kannten. Eigentlich waren wir Fremde. Und unter diesem Schirm, den ich einst Mama geschenkt hatte, lernte ich also in meiner Sehnsucht eine Frau kennen, die sie kannte. Das war irgendwie … ich weiß nicht. In jenem Augenblick und auch bis heute, war es wichtig. Und ihr Mitgefühl, als wäre ich ein Mensch, den sie seit langem kennt, war wichtig. Es war ja nicht nur Mitgefühl. Das könnte man noch heucheln. Aber die Tränen und ihre gesamte Reaktion war absolut aufrichtig. Ich bin beinahe zwei Köpfe größer als sie und ihre Reaktion hatte etwas von: Das arme, kleine Mädchen hat keine Mutter mehr? Diese Empfindung war es, die den Moment zu einer solchen Kostbarkeit machte. Es heißt immer, dass es nichts Schlimmeres gäbe, als ein Kind zu verlieren. Eltern zu verlieren ist normal. Der Lauf der Dinge. Je älter man wird, desto weniger sollte es einen kümmern - das Gefühl bekomme ich zumindest, wenn ich den Umgang beobachte. Maria sah das aber anders. Es tut immer weh den Vater oder die Mutter zu verlieren. Das Alter des Kindes spielt dabei keinerlei Rolle. In diesem Moment ist man das Kind, nicht mehr und nicht weniger.

Neulich, als ich aus der Garage kam (die sind im Haus meines Vaters unten), lief ich Maria wieder über den Weg, nach vielen Monaten. Sie hat sich um mich gesorgt, weil sie mich schon so lange nicht mehr gesehen hat. Als ich auf ihre Frage, wo ich denn war, entgegnete, dass ich nach Herrenberg fahre, um zu arbeiten, erstrahlte sie regelrecht. Sie sagte Herrenberg sei gut und sie sagte Arbeit zu haben sei gut. Natürlich freuen sich alle in meiner Familie und alle meine Freunde und auch Bekannte darüber, dass ich endlich Arbeit fand. Aber Wildfremden könnte es wohl gleichgültiger nicht sein. Nicht so Maria. Sie war wieder so voller Aufrichtigkeit, dass es mich einfach glücklich machte. Sie sagte ich soll bleiben wie ich bin. Und die ganze Zeit über, allerdings erst bei diesem letzten Treffen, nannte sie mich „Schatz“, was ich sehr liebenswert fand, obwohl das der Kosename ist, der mich so richtig auf die Palme bringt. Aber sie sagte es so zauberhaft und aufrichtig, voller Freude und Gefühl… wie könnte man es dann immer noch doof finden? Maria darf Schatz zu mir sagen.

An diesem Abend lächelte ich beinahe ununterbrochen. Maria und ich sind uns eigentlich immer noch fremd. Wir kennen uns kaum. Aber wir freuen uns immer sehr darüber, wenn wir uns sehen und wieder ein paar Worte miteinander wechseln können. Ich mag diese zufälligen Begegnungen mit ihr. Ich mag die Lächeln, mit denen mich diese Begegnungen zurück lassen. So viel Wärme und alles nur wegen einer kleinen Frau, die einst einen großen Regenschirm besaß.

Dienstag, 31 Oktober 2017

Seltsame Wege

Ich glaube ich habe noch nie, wie im letzten Eintrag, einfach Erinnerungen und Wege niedergeschrieben. Zumindest fühlte sich der letzte Eintrag, noch während ich ihn verfasste, wie etwas besonderes an. Ein seltsamer Reisebericht. Und dann fielen mir mehr und mehr Dinge ein, die ich niederschreiben sollte. Nicht Gedanken oder Gefühle, wie üblich, sondern Erinnerungen. Ich frage mich, ob es daran liegt, dass ich aktuell ein Buch lese, in dem ein Mann damit fertig wird, dass seine Frau an Alzheimer erkrankt und stirbt. Das ist vermutlich die einzige Krankheit, vor der ich mich wirklich fürchte. Vergessen ist schrecklich.

Mein Gefühl ist, dass ich überdurchschnittlich vergesslich bin. Manchmal erzählen mir Menschen Dinge, aus der gar nicht so fernen Vergangenheit und ich erinnere mich einfach nicht, obwohl ich dabei war. Woran liegt das? Empfindet mein Gehirn diese Dinge tatsächlich als nicht wichtig genug? Lese ich zu viel Kreuzfeldein und das Hirn sondern deshalb Erinnerungen aus, die wichtiger sind, als das Wissen darüber, wie schwer Glattwalhoden werden können? Oder liegt es sogar daran, dass ich über viele Jahre die Kriegserinnerungen der Kindheit extrem verdrängt hatte?

Ich weiß es nicht. Umso beklemmender ist es sich nicht mehr zu erinnern. Was, wenn ich wirklich wichtige Dinge doch irgendwann vergesse? Die Stimme meiner Mutter zum Beispiel. Oder das ein oder andere Lächeln. Winzige Beobachtungen. Was liegt also näher, als das alles aufzuschreiben? Na gut, natürlich nicht alles. Aber Dinge, die mich in welcher Art auch immer bewegten. So, wie ich das Buch der Wunder wieder zu schreiben begann. Im Buch der Wunder sammle ich winzige Nichtigkeiten und Beobachtungen, die mich für jenen Moment einfach glücklich machten. Zum Beispiel das Rotbuchenblatt, das der Herbstwind durch mein offenes Fenster wehte und es mir somit schenkte. Es liegt in einem Buch und trocknet, damit ich es im Buch der Wunder einkleben kann. Allerdings vergaß ich Datum und Uhrzeit aufzuschreiben – was eigentlich bei den Einträgen Pflicht ist.

Das ist nämlich auch etwas, womit ich sehr große Schwierigkeiten habe – zeitliche Erinnerungen. Also, wann war etwas. Ich kriege sehr, sehr große Schwierigkeiten, wenn ich mich nicht an irgendetwas orientieren kann, einem Datum, das markant war und von dem aus ich mich vor oder zurück hangeln kann. Vermutlich geht es auch allen anderen so. Oder? Ich stelle solche Fragen nicht, weil sie mir dumm vorkommen und ich es irgendwie verlernt habe die wirklich dummen Fragen zu stellen. Dabei würde es mich beruhigen zu wissen, dass das allen so geht. Es gibt Momente im Leben, da ist es schrecklich einzigartig zu sein. Das wäre so einer.

Ich habe also beschlossen, die ein oder andere Erinnerung aufzuschreiben. Zum Beispiel die an Maria. Wie ich sie kennen lernte und die letzten zwei Begegnungen mit ihr, aber das würde ich gerne auf ein anderes Mal verschieben. Im Grunde schreibe ich hier auf, dass ich mich daran erinnern soll, von meinen Erinnerungen mit Maria zu schreiben… Eigentlich wäre ein Widget für den Blog keine schlechte Idee, das aussieht wie ein kleiner Zettel. Ein kleiner Zettel an einer Pinnwand, auf dem steht, worüber ich noch schreiben wollte. Mir fallen hin und wieder Themen ein, wenn ich nicht in Schreiblaune bin oder keine Zeit habe oder weit weg vom Rechner bin und dann entfallen sie mir wieder, wenn ich hiervor sitze. Meh.

Vorgestern ist mir noch ein Grund aufgefallen, warum man eigentlich nichts hinausschieben sollte. Die Verwandtschaft war geladen, um den Geburtstag nachzufeiern, den ich eigentlich gar nicht feiern wollte. Aber bei meiner Verwandtschaft hat man nicht wirklich eine Wahl. Ich machte einen Rote Beete Salat. Eigentlich machte den immer Mama. Ich habe sie nie gefragt, wie sie ihn macht und stellte am Sonntag fest, dass meiner anders schmeckt. Ich weiß nicht, warum. Ich weiß nicht, was fehlt oder vielleicht zu viel ist. Er schmeckte gut, so ist es nicht. Aber eben nicht nach Mamas Rote Beete Salat und allein das brachte mich fast zum Heulen. Oder die Bratlinge, die sie einst erfand, als Papa seine Vegetarier-Phase hatte. Sie waren so verdammt lecker und ein Mal hat sie mir erklärt, was sie da alles für Gemüse zusammen reibt. Aber ich weiß es nicht mehr. Ich habe es mir nie notiert. Möhren und Ingwer, an mehr erinnere ich mich nicht. Es ist also ein Gericht mit Mama gestorben, das allen, die es je probierten, sehr gut schmeckte. Dinge sind nur von Wert, wenn sie endlich sind. Das ist eine sehr, sehr bittere Erkenntnis, wenn man sie erst nach der Endlichkeit jener Dinge hat. Dabei ist das kein Wissen, das man nicht schon zuvor tausendfach hörte oder auch selbst hier und da dachte. Warum aber nicht auf alle Bereiche in seinem Leben bedacht? Muss man es erst erfahren, bevor es einem so richtig bewusst wird?

Eigentlich wollte ich nichts über Mama schreiben. Ich vermisse sie nur. Allerdings ist es auch keine Lösung ständig herum zu heulen. Deshalb möchte ich auch noch nicht von Maria erzählen. Irgendwie führt aktuell jedes Thema wieder zu Mama. Ich weiß nicht, ob es jemals wirklich leichter wird. Vielleicht in zehn Jahren. Vielleicht in zwanzig. Vielleicht gar nicht. Mir fällt gerade, ganz weit weg vom Thema, ein, dass ich mir nicht vorstellen kann alt zu werden. Vielleicht sollte ich auch das mal in einem schriftlichen Eintrag verarbeiten. Ich kann es mir nicht in dem Sinne vorstellen, dass ich früh sterben will oder den Tod romantisiere… ich weiß einfach nur absolut nicht, wie ein Ich mit fünfzig sein sollte. Das ist absolut irreal. Das ist es aber auch mit vierzig. Diese Zahl, aber der ein Leben wieder an Vitalität abnimmt und der Zenit überschritten wird. Und manchmal, weil ich ich bin, habe ich die Befürchtung, dass dieses „nicht-vorstellen-können“ vielleicht damit zusammen hängt, dass ich gar nicht so alt werde. Aber die Vorstellung, dass ich vielleicht in neun Jahren tot bin, ist ebenso irreal. Ich fragte mich schon oft, wie das für ältere Menschen ist. Für zum Beispiel Siebzigjährige, für die es statistisch nur noch ein paar Jahre sind. Wie denkt man dann über den Tod? Ist er immer noch irreal oder beginnt man vielleicht sogar tatsächlich sich irgendwann nach ihm zu sehnen, wenn man merkt, dass alles schwerer fällt?

So viele Fragen. Ich stelle mir heute wirklich viele Fragen. Und ich finde keine einzige Antwort. Aber es geht mir gut. Es geht mir wirklich gut, trotz der Wehmut, die da im Hintergrund leise zirpt. Ich kann dennoch aufrichtig lächeln. Nur etwas vernünftiges aufs Blatt kriege ich heute eher nicht hin. Ich dachte es wäre eine gute Idee, die Gedanken schreibend zu fokussieren, aber sie entgleiten mir. Ich werde den Abend also doch irgendwie anders zubringen. Vielleicht ein mal mehr mit der abchasischen Komikergruppe, deren Witze ich beinahe alle schon auswendig kenne. Aber jedes Mal, wenn ich sie mir ansehe und sie mich zum Lachen bringen, stillen sie die Sehnsucht nach Mama, trösten mich und geben mir das Gefühl ihr für den Moment näher zu sein. Hauptsache ich lächle dabei.

Donnerstag, 26 Oktober 2017

Irgendetwas mit Pflanzen oder Tieren

Als ich vierzehn Jahre alt war, wusste ich, wie meine Zukunft aussieht. Nach der Schule würde ich direkt eine Ausbildung machen und danach sofort ausziehen. Es kam alles ganz anders. Eine Ausbildung zu machen mag lobenswert und vernünftig klingen, aber was zur Hölle für eine? Wir haben in der neunten genau eine Woche Zeit gehabt, um uns in einem von wie vielen Berufen umzuschnuppern? Der Unfallchirurg war cool und sagte ich solle mich nach der Schulzeit bewerben. Man vergaß mich allerdings und wie begeistert man doch von mir in jener großartigen Woche war, noch ehe das neunte Schuljahr vorüber war. Ich kam damals vorbei, um meinen Praktikumsordner, den die damalige Auszubildende mitnahm, um ihn auf der Arbeitsstelle zu zeigen, abzuholen. Man war gar unfreundlich zu mir und erkannte mich tatsächlich nicht. Da wollte ich mich also nicht mehr bewerben, wenn es so weit war, obwohl es mir durchaus gefallen hatte.

In den Herbstferien der neunten Klasse machte ich ein Praktikum als Köchin in einem Restaurant mit drei Sternchen. Obwohl ich wohl herausragend war (sie lobte mich schon am Morgen des zweiten Tages begeistert dafür, dass ich mich nicht hinsetzte, wenn ich mit einer Aufgabe fertig war, sondern zu ihr kam und nach der nächsten Aufgabe fragte), brach ich das Praktikum nach nur drei Tagen ab. Ich musste einfach so in den unmöglichsten Momenten losheulen und verstand die Welt nicht mehr. Ich redete mich ein paar Mal damit heraus, als einer der Köche fragte, was los sei, dass das noch vom Zwiebeln schneiden käme. Die Wahrheit wurde mir erst Jahre später bewusst: Ich kam mit dem Stress in der Küche nicht klar und weil ich es verbissen dennoch versuchte, heulte ich eben spontan los, wenn mir die Hektik um mich herum zu viel wurde. Alle waren freundlich und nett, dennoch fühlte ich mich dort alleine. Ich arbeitete für Kost und Logis in dem Hotel und fühlte mich in diesen wenigen Tagen wahnsinnig einsam. Ich war damals fünfzehn. Das erste Mal allein war doch ganz anders, als man gedacht hatte. Also ging ich, weil ich krank wurde und erst Jahre später wurde mir bewusst, warum ich während dieses Praktikums krank wurde. Zum Glück bin ich nicht Köchin geworden. Das verpatzte Praktikum machte mich aber wieder ruhe- und rastlos. Ich wusste nicht, als was ich arbeiten wollte. Welchen Beruf würde ich 50 Jahre lang machen können, ohne an ihm zu verzweifeln? Es war zu naiv gedacht, natürlich. Niemand sagte uns, dass man unter Umständen zum letzten Mal in der Ausbildung in dem entsprechenden Beruf arbeiten würde. Was sollte also aus mir werden? Was wollte ich werden, nun, wo ich nicht wirklich erwachsen, aber alt genug für einen Beruf war?

Das Kind hatte natürlich Wünsche und Träume. Feuerwehrmann wollte die prepubertäre Grün werden und das sogar relativ lange Zeit über. Zur Berufsfeuerwehr, nicht zur freiwilligen. Die pubertierende Grün war fasziniert (und ist es bis heute) von Innereien. Im Sinne von: wie es in Menschen aussieht. Das begleitet mich seit meiner Kindheit. Ich wollte von allem wissen, was drin ist. So rollten auch einst Puppenköpfe durchs Kinderzimmer. Menscheninneres versprach spannender zu werden. Ich hätte mir gewünscht, dass die Laufbahn zur Rechtsmedizin nicht so anstrengend wäre. Zu krasse Noten (den Numerus Clausus finde ich bis heute übertrieben), die da verlangt wurden, zu krasse Abschlüsse, zu lange als Arzt mit lebendigen Menschen arbeiten, bevor man bis zu den Ellen in Innereien wühlen dürfte. Also was? Was wollte ich werden? Ich mit meiner Mittleren Reife von 3,4? Mit meiner eins in Englisch und der fünf in Chemie? Der drei in Deutsch und vier in Mathematik? Biologie und Physik erfreuten sich auch an einer vier und die Geographie, dank der mündlichen Prüfung, war begeistert von der drei. (Ich werde nie vergessen, mit welch überraschtem Gesicht mein Geographielehrer mir verkündete, dass ich die Note – zu seinem und dem Erstaunen der anderen Prüfer – durch die mündliche Prüfung um eine verbessert hätte. Ach, Herr Schöne. Weil es sie zu Beginn jeder Geographiestunde so wundervoll mit den Augen rollen ließ: „DÜRFEN WIR HEUTE KONTINENTE AUSMALEN?“)

Die Resignation und das Rebelldasein überspielten die Unsicherheit, die einen zerfraß. Wenn man sie fragte, was sie werden wollte, was ihre Zukunftspläne nach der Schule wären, sagte sie immer, mit breitem Grinsen – der Maske, hinter der sie sich versteckte: „Nach der Schule mache ich erstmal ein freiwilliges asoziales Jahr auf der Parkbank!“ Ich nannte es ein Jahr Pause zur Orientierung. Irgendein Teil in mir hoffte wohl wirklich, dass mir in diesem Jahr klar werden würde, was ich werden wollte. Wie es weitergehen würde. Oh my sweet summerchild.

Es kam einer großen Erleichterung gleich, als sich das Amt meiner erbarmen wollte. Eine Berufsberaterin sollte mir aushelfen. Ich sah dem Ganzen positiv entgegen. Da saß ich nun bei der Frau im Holzfällerhemd und sie fragte mich: „Was für einen Beruf stellen Sie sich denn so vor? Womit würden Sie gerne arbeiten?“ Da sagte ich: „Im Freien wäre schön. Auf keinen Fall im Büro. Ich würde gerne mit Pflanzen oder Tieren arbeiten.“ Die Kampflesbe (den Titel hat sie sich bei späteren, weit unschöneren Begegnungen wahrlich verdient) war erfreut, dass ich es doch ein wenig präzisieren konnte und schaute sogleich in ihrer schlauen Kiste nach, was es aktuell für Ausbildungsstellen in der Sparte gab. Der Helfer der schlauen Kiste kotzte Seite um Seite Tinte auf Papier, das mir schließlich stolz von der Kampflesbe überreicht wurde. An dieser Stelle glaubt jeder, dem ich die Geschichte erzähle, dass es nur ein Witz ist. Nein, es ist eine Anekdote. Es ist wirklich passiert. Ich nahm die Zettel zur Hand und der erste Beruf, der da ganz oben vorgeschlagen wurde, war: Schlachter. Ich mein, es hat etwas mit Tieren zu tun… Wer hätte denn gedacht, dass ich auch noch in Deutschland derart präzise sein müsste und klar zum Ausdruck bringen, dass ich bei meiner Auskunft an (nicht nur kurz zeitig) lebendige Tiere gedacht hatte.

Aber hey, Schlachter hatte was. Ich wollte mich da ganz gerne bewerben. Immerhin wuchs ich mit dem Wissen auf, was Fleisch ist und woher es kommt. Ich war von klein auf dabei, wenn geschlachtet wurde, weil ich es (wie schon erwähnt) faszinierend fand zu erfahren, was drin ist. Meine Tante musste mir immer ganz genau erklären, was sie da gerade aus dem Arsch des Huhnes oder Truthahnes heraus zog. Schlachter. Warum nicht? Ehe ich mich da aber bewerben konnte, kam meine Mutter mir zuvor. Sie rief bei dem Betrieb an, zu früh morgens, als dass ich wach sein könnte, und wollte einfach nur ein paar Infos sammeln. Der Schlachtermeistermenschausbilder redete ihr aus, dass ich mich bewerbe. Die Arbeit sei für ein Mädchen körperlich zu anstrengend. Ich dachte der hat einen Knall, als Mama mir davon erzählte und war bereit auf die Barrikaden zu gehen. Sie redete es mir aus. Was aber sollte zur Hölle aus mir werden? Ich fand den Gedanken Schlachter zu werden gar nicht so übel, trug ihn aber schon kurz nach dem Aufflackern des Interesses zu Grabe.

Nach Wochen und auch mal Monaten des Umhertreibens auf kalten, düsteren Wellen, schrieb die Stadt, über die auch meine Mutter (als Putzfrau) angestellt war, eine Ausbildungsstelle als Friedhofsgärtnerin aus. Ich war gleich hellauf begeistert. Es war allerdings eher eine Stelle der Landschaftsgärtnerei. Beim Vorstellungsgespräch wollte man mir erst Mal einreden, dass ich sitzen geblieben wäre, hätte ich keine eins in Englisch gehabt. Meine Widerworte kamen nicht gut an, allerdings ließ man mich auch nicht erklären, dass ich ja schon die Achte mit drei Fünfen im Zeugnis bestanden hatte. Letztendlich durfte ich ein Praktikum machen. Zwei Wochen. Es war okay. Nichts, was mich von den Beinen riss. Landschaftsgärtner hat einfach so wenig bis gar nichts mit Pflanzen zu tun. Der Friedhofsgärtner wäre mir viel lieber gewesen. In Ruhe dort ömmeln, wo selbst Besucher still waren. Außerdem hätte ich mich gerne um die Gräber gekümmert. Zu viel Respekt vor den Toten wurde mir schon früh von dem kaukasischen Teil meiner kulturellen Gene mit auf den Weg gegeben. Letztendlich bekam ich die Stelle nicht. Irgendetwas war da, das vorgezogen wurde. Wurde mir zumindest so mitgeteilt. Weil dies und das und die Situation und sowieso des armen Menschen, deshalb zöge man ihn vor. Mir doch egal. War ja eh nur Landschaftsgärtnerei und meine Motivation dafür hielt sich doch sehr in Grenzen.

Es gab noch einen Monat, ebenfalls bei der Stadt, den ich als Forstwirtin verbrachte. Das machte tatsächlich großen Spaß, obwohl ich ausgerechnet zur Großholzernte da war. Es waren aber die Menschen, mit denen ich wirklich gerne zusammen arbeitete. Auch das Praktikum ging vorbei, mit den Worten, die ich noch des Öfteren zu hören kriegen würde: „Wir könnten es uns sehr gut mit Ihnen vorstellen, da wir absolut zufrieden waren! Leider können wir aus finanziellen Gründen für absehbare Zeit keine Lehrlinge einstellen.“ Hm. Vermutlich eh besser, weil mir einfach jeder der jungen Waldarbeiter den Beruf auszureden versuchte. Bandscheibenvorfälle Mitte Zwanzig schienen an der Tagesordnung.

Das Amt half mir ein weiteres Mal, ehe ich komplett zu versumpfen drohte. Ich bin mir nicht mehr sicher, was das für eine seltsame Nummer war. Wir waren Jugendliche, es gab „Unterricht“ und monatlich Kohle. Es war irgendetwas in Richtung berufsvorbereitendes Jahr. Damals hatte ich vor, mein Zeichentalent auszubauen, Tätowiererin zu werden und einen eigenen Laden zu gründen. Ich tanzte lange, sehr lange um diese Idee herum, weil es alles andere als einfach ist. Das war mir bewusst. Letztendlich wollte ich aber darauf hinarbeiten und habe auch mit ein paar Tätowierern gesprochen, wie sie es so weit brachten und wie man es heute (damals heute) noch schaffen könnte. Einer von ihnen gab mir viele Tips und war allgemein verdammt freundlich und offen. Ich dachte, vielleicht würde ich ihn irgendwann fragen, ob er mir nicht auf die Beine in dem Beruf helfen könnte, sobald ich Zeichnungen hätte, die gut genug waren. Das ist aber kein Ausbildungsberuf, also hält das Amt nicht viel davon. In dieser seltsamen Maßnahme, an die ich mich nur noch diffus erinnere, hatten die Dozenten, die wir zu Beginn hatten, mich irgendwie echt gern. Ich hatte weit mehr Narrenfreiheit als die anderen Jugendlichen. Ein Mal, da legte ich meinen Kopf theatralisch, in der ersten Reihe sitzend, auf den Tisch und schlief ein, ehe ich es mich versah. Am Ende der Unterrichtseinheit tippte mich die Dozentin an und ich schreckte auf. Als ich fragte, was los sei, weil alle im Begriff waren zu gehen, sagte sie es wäre Feierabend. Ich sah sie so ungläubig darüber, dass ich den halben Nachmittag verpennt hatte, an, dass sie lachen musste. Ich fragte noch, warum sie mich nicht geweckt hätte. Sie sagte: „Sie wissen doch ohnehin alles, was wir gerade im Unterricht durchnehmen.“ Oh ja, ich hatte verdammt viel Narrenfreiheit.

Ich mochte die Dozenten dort wirklich sehr gerne und das nicht nur wegen der Freiheit, die sie mir gaben. Da war eine, deren Namen ich vergessen habe. Sie war selbst jung. Mitte/Ende zwanzig, Anfang dreißig. Wir waren von Anfang an derart auf einer Welle, dass ich sie unbemerkt duzte. Irgendwann fiel es mir auf und ich fragte sie, ob das okay sei. Sie meinte, dass es auch ihr nicht aufgefallen sei. Natürlich sollte ich zum „Sie“ überwechseln, auch wenn wir beide schmunzelten, wenn mir mal wieder das „Du“ herausrutschte. Sie blieb nicht, sondern zog nach wenigen Monaten Richtung Südamerika, um auch dort Jugend- oder Kinderarbeit zu leisten. Als sie sich verabschiedete, sagte ich: „Und jetzt ist es mir egal, ich duze dich!“ Ich umarmte sie und wünschte ihr alles Gute und sie war zu Tränen gerührt, weil wir es beide empfanden. Hätten wir uns außerhalb des Vereins kennen gelernt, wären wir Freunde geworden. Als sie nach den ersten Wochen der Ankunft eine Postkarte an den Verein schrieb, war ich die einzige Teilnehmerin, die namentlich gegrüßt wurde. Es zauberte mir ein Lächeln auf die Lippen und ich wünschte ich könnte herausfinden, wie sie hieß. Wo sie nun ist. Ihr würde ich gerne schreiben und sagen, dass sich ihre Hoffnungen der Postkarte für mich erfüllt haben, auch wenn der Weg ein äußerst harter war.

Rückblickend denke ich, dass die Dozenten der Ansicht waren diese Maßnahme sei nichts für mich. Es ist arrogant, wirklich arrogant zu sagen, nur war ich tatsächlich die „klügste“ Teilnehmerin. Der Stoff, der aufgefrischt wurde, war auf einem Niveau, das ich trotz schlechter mittleren Reife, durchaus kannte und konnte. Ich war nicht faul oder „schwierig“, wie die meisten anderen „abgestürzten“ jugendlichen Teilnehmer. Ich war verwirrt, resigniert und sah keine Perspektive. Dem kam die Chefin des Vereins entgegen, indem sie mich vor einen Rechner setzte. Sie rief die Berufenet- Seite des Amtes auf und sagte, dass ich mir einfach mal alle (alle!) Ausbildungsberufe durchlesen sollte, bis ich einen finde, den ich ausüben wollte. So saß ich da, den gesamten Tag, und recherchierte, bis mir die Augen schmerzten und ich mehr denn je die Hoffnung verlor. Es gab nur zwei Berufe, obwohl ich wirklich intensiv suchte, die mir zusagten. Floristin oder Tierpflegerin. Irgendetwas mit Pflanzen oder Tieren.

Der Druck, der ausgeübt wurde, raubte mir die wenige Motivation, die ich irgendwie aufbringen konnte. Dennoch rief ich die umliegenden Tierheime an und erkundigte mich nach Praktikumsstellen. Es fand sich nichts. Eine der Teilnehmerinnen schleifte mich bald darauf, als sie ein Piercing wollte, zu einem lokalen Tätowierer. Mit der Freundin des Herrn verstand ich mich auf Anhieb blendend und wir plauderten, während die Bekannte sich durchstechen ließ. Wir blieben noch und hatten einen hübschen Nachmittag mit der Mitarbeiterin, Mitleiterin und so weiter des Tätowierladens. Die Bekannte fragte dann, ob man ein Praktikum bei ihnen machen könnte und erst in dem Moment wurde mir klar, dass das ja durchaus eine Option wäre. Man konnte schließlich, auch wenn es kein offizieller Ausbildungsberuf war, eine Art Ausbildung bei einem Tätowierer erhalten. Ich wollte es also, weil ich damals sowieso den Wunsch hatte diesen Beruf auszuüben. Die Bekannte wollte es, weil sie es cool fand da einfach rumzugammeln und kein anderes, „richtiges“ Praktikum machen wollte. Die Gute konnte nicht mal Zeichnen. Tatsächlich sagten die Dozenten zu mir, dass man das mit der Chefin abklären müsste, ob ein solches Praktikum toleriert werden würde. Sie sagten es wäre möglich, also bat ich darum mit der Chefin persönlich sprechen zu dürfen, wenn diese mal im Haus wäre. Ich wollte es, also wollte ich auch Argumente vorbringen und so weiter. Von Angesicht zu Angesicht und nicht durch Dritte und Vierte.

Als sie dann da war, sah ich sie, aber wartete. Es war, soweit ich mich entsinne, besprochen, dass sie auf mich zukommt, sobald sie Zeit hat. Der Tag verging ohne des erhofften Gesprächs. Es wurde noch viel besser. Im Nachhinein, wie mir eine andere Teilnehmerin erzählte, wurde gesagt ich hätte kein Engagement gezeigt, also kann es nicht so wichtig gewesen sein. Die Teilnehmerin hatte wohl ein Fass aufgemacht, als sie das gehört hatte, weil die ganze „Klasse“ mitbekommen hatte, dass ich das unbedingt will und dem Gespräch mit der Chefin entgegen fieberte. Mein Fehler damals war es also, gehorsam gewesen zu sein. Du bist dran, wenn man dich aufruft. Dabei erwartete man von mir offensichtlich, dass ich mich aufdränge, während die Chefin stressige und hektische Gespräche führt.

Nachdem ich das erfuhr, lag ich eines Morgens im Bett und konnte mich nicht aufraffen aufzustehen. Als Mama zu mir kam und fragte, was los sei, kamen mir die Tränen. Ich erzählte ihr nicht warum, aber ich sagte, dass ich dort wirklich nicht mehr hin will. All die Dozenten, die wirklich darauf bedacht gewesen waren zu helfen, waren gegen welche ausgetauscht worden, für die es nur ein Job war. Für die ich und meine Zukunft, nichts weiter als ein Job waren, den sie nicht mal sonderlich motiviert erledigten. Sie taten nicht mal so als ob. Mama war damit einverstanden, dass ich auf eigene Faust suche, als sie sah, wie fertig es mich machte dorthin zu gehen. Ich habe regelrecht gewinselt und das nicht, weil ich sie damit manipulieren wollte, sondern weil ich wirklich einfach nicht mehr konnte.

Der Traum des Tätowierers starb zu Gunsten des Tierpflegers – wenigstens das nahm ich aus jener Zeit mit. Ich träumte davon eine Ausbildung zu finden, sie zu beenden, danach den Meister zu machen (oder später irgendwann, um selbst ausbilden zu dürfen) und mir nach einigen Jahren Berufserfahrung und des eisernen Sparens eine kleine Tierpension aufzubauen. Es war nicht ganz leicht. Immer kamen diese Sümpfe dazwischen, in denen ich beinahe ertrank und erfror. Und dann kam 2010. Eine weitere Maßnahme, aber dieses Mal mit wirklich guten Dozenten. Ich war eine der ersten, die ein Praktikum fand, das zu der Maßnahme gehörte. Es war in einem Kreistierheim, 60 Kilometer entfernt. Ich fuhr täglich hin und hatte große Freude an der Arbeit. Man war traurig, beiderseitig, als es vorbei war, weil man keine Gelder hatte, um auszubilden – sonst hätte man mich sofort eingestellt. Mal wieder.

Mit diesem ausgezeichneten Praktikumszeugnis bewarb ich mich letztendlich bundesweit um Lehrstellen als Tierpflegerin, weil es mir so verdammt ernst war, dass ich bereit war weg zu ziehen und irgendwo, ganz alleine, weiter zu machen. Es findet nicht jeder einfach „Freunde“ und zu diesen Menschen gehöre ich. Ich wäre also alleine gewesen, aber zu dem brennenden Berufswunsch gesellte sich auf der Wunsch so weit weg wie nur möglich von meinen Eltern zu kommen. Einfach nur, um flügge werden zu dürfen. Diese Episode ist aber, weil sie mich auch vor kurzem ein Mal mehr erschütterte, etwas für einen anderen Blogeintrag, in dem ich derart in Erinnerungen schwelge wie in diesem. Als es schief ging, war ich komplett am Boden zerstört. Erst neulich fand ich heraus, dass es, selbst wenn es damals funktioniert hätte, schon wenige Monate später so richtig schief gegangen wäre – es wäre aber absolut außerhalb meiner Macht gewesen. Zeitgleich wäre es so viel schlimmer gewesen, weil ich diese Monate der Hoffnung und Freude gehabt hätte, dass endlich etwas vorwärts geht und funktioniert. Dass ich mein Leben in den Griff kriege. Oder einfach nur einen Beruf abbekomme. Leben und Beruf ist in Deutschland aber leider zu oft dasselbe.

Mit dieser Entdeckung (wie schief es gelaufen wäre) saß ich vor wenigen Wochen da und dachte nach. Ich war zum ersten Mal erleichtert und nicht bitter darüber, dass es schief gegangen war. Dass ich derart zerbrochen und zerstampft wurde, dass es bis Ende 2012 andauerte, bis ich mich wieder aufrappeln konnte. Ich schrieb es des Öfteren. Ende 2012 begann mein Weg, der mich hierhin führte, wo ich nun stehe und lächelnd die Aussicht genieße. Ein letztes Aufbäumen. Ein letzter Kampf. Ich hätte nicht gedacht, ich habe es nicht mal gehofft, dass es auf diese Weise enden – oder viel eher beginnen – würde. Ich liebe meinen Beruf. Ich fahre so gerne zur Arbeit. Na ja, eigentlich nicht, weil da bis Dezember eine Baustelle ist, an der die Arschlöcher, äh, Autofahrer, erst recht komplette Scheiße zusammen fahren. Zwei Tage in folge an beinahe derselben Stelle beinahe dieselben Auffahrunfälle. Helden, die die Welt nicht braucht. Von den Arschlöchern auf der Autobahn abgesehen, fahre ich aber wirklich gerne zur Arbeit. Am 11. Dezember ist die Probezeit vorbei und bisher sind beide Chefs mit der Leistung zufrieden. Sie sagen, dass ich noch einiges lernen müsste, aber sie sähen da keine Probleme, solange ich weiterhin motiviert lernen möchte und das tue ich. Wenn die Probezeit also vorbei ist, dann stehen die Chancen doch ganz gut, dass ich einfach am 12. Dezember zur Arbeit gehe und somit in einem unbefristeten Vertrag beschäftigt bin. Beinahe hätte man es mir madig geredet. Ein unbefristeter Vertrag sei auch nichts besonderes und böte diverse Gefahren. Weiß ich doch! Ich habe mich dennoch wahnsinnig gefreut, weil ich nicht in einer Firma eingestellt bin, die eine „Hire and Fire“ Mentalität hat, sondern eine sehr familiäre.

Mein Chef war der erste, der mir dieses Jahr zum Geburtstag gratulierte – ich war nicht mal auf der Arbeit, sondern hatte mir frei genommen. Eigentlich extra, um diesem ganzen Ritual auszuweichen. Ich wusste nicht, wie ich drauf sein würde (es war gar nicht gut) und entsprechend wollte ich mich nicht zu einem Lächeln zwingen müssen, während ich mich für Worte bedanke, die gesagt werden, weil es nun mal so erwartet wird und nicht, weil sie gemeint sind. Aber hier ist das Ding… sie sind gemeint. Täglich ruft mindestens ein Chef an und täglich fragt er, wie es geht. Nicht nur mich und nicht zur Kontrolle. Ich hatte erst die Befürchtung, dass sie fragen würden (der zweite stellt dieselben Fragen, wenn er anruft), weil ich zu langsam bin oder sie unzufrieden seien. Aber meine Kollegin schüttelte den Kopf, als ich die Sorge ansprach. Sie würden auch sie fragen und fragten auch den Kollegen zuvor. Da erst erkannte ich, dass es keine Kontrolle ist, sondern Chef-Fürsorge. Sie kümmern sich um die Mitarbeiter. Sie sorgen sich. Als es mir mal weniger gut ging, hörte der Chef es mir durchs Telefon an und fragte, was los sei. Ich winkte ab, sagte gesundheitlich wäre alles okay, an mir würde nur was familiäres nagen. Er fragte tatsächlich, ob es irgendetwas gäbe, womit man mir helfen könnte. Und als ich recht hoffenungslos verneinte, sagte er, dass ich Bescheid geben soll, falls mir doch etwas einfiele.

Ich bezeichne meine Chefs als Einhörner. Eigentlich nenne ich Flacherdler und solchen Unfug „Einhörner“. Sie existieren nicht. So etwas kann es einfach nicht geben. Vernünftige Menschen, die glauben die Erde sie flach und das heutzutage? Verdammte Einhörner, nichts weiter! Ich weigere mich zu glauben, dass sie echt sind! Aber wenn ich von meinen Chefs als Einhörner spreche, dann meine ich es liebevoll und voller Faszination über ihre Existenz. Sie sind zu gut um wahr zu sein. Natürlich gibt es Winzigkeiten, die andere sofort ankreiden würden, aber das sind Schrullen, die wir alle haben. Wichtiger sind die anderen Seiten an ihnen. Ich mein, ich saß als Praktikantin da und hörte, wie einer der Chefs mit einem Neueingestellten über dessen Moral redete (er tat es nicht vor mir, um den anderen zu demütigen, sondern hatte zuvor gefragt, ob es okay wäre in dem Büro zu sprechen, wo eben auch ich drin sitze). Ich empfand sie als katastrophal, auch wenn ich das ein oder andere nachvollziehen konnte, was er sagte. Was mich aber extrem faszinierte war, dass in diesem Gespräch, das eine Stunde lang dauerte und in dem der Neueingestellte vehement und trotzig widersprach, der Chef nicht ein einziges Mal laut wurde. Nicht mal merklich wütend. Nicht streng. Er versuchte in aller Ruhe zu erklären, auch mal mit Humor und Schmunzeln, warum das, was der Mitarbeiter tat und wie er die Situation handhabte, für die Chefs keine zufriedenstellende Herangehensweise war. Ich kenne nun wirklich nicht viele Chefs aus persönlicher Erfahrung – der einen dummen Zippe von dem Teilzeitjob, den sie zum Vollzeitjob für ihre Angestellten machte mal ganz abgesehen (dank ihr musste ich auch letztendlich das Fernabi abbrechen, weil ich durch den Job, mit dem ich es finanzieren wollte, schlussendlich zu viel des Stoffs verpasst habe) – aber ich kenne so einige Chefs aus Erzählungen. Meine sind Einhörner. Sie sind fluffige, wundervolle Einhörner und ich bin absolut fasziniert davon, dass ich für sie arbeiten darf. Ausgerechnet ich!

Ich erwähnte schon Mal, dass es mich erstaunte, dass man mir die vielen Fragen, die ich stellte und nach wie vor stelle, nicht ankreidete. Dem Jahrespreaktikumsbetrieb war ich nach einem halben Jahr (von Null beginnend wohl bemerkt) viel zu schlecht. Man sagte immer wieder, das müsste ich schon können. Man sagte immer wieder, dass ich mir wohl sehr schwer tue. Man sagte mir, dass ich vielleicht eher in den Supportbereich (meinen Alptraum, weil Telefon) oder in den Testbereich gehören würde, aber nicht ins Programmieren. Natürlich schöner formuliert. Und dann sind da die zwei Chefs, die so verflucht viel auf dem Kasten haben und denen kann ich gar nicht genug Fragen stellen. Man merkt sehr deutlich, dass der Betrieb, in dem ich mein Jahrespraktikum machte, kein Ausbildungsbetrieb für Programmierer ist. Sie haben keine Erfahrung damit, weil sie in dem Bereich für Gewöhnlich mit Studenten arbeiten. Dieser hier, in dem ich aber nun angestellt bin, war mal ein Ausbildungsbetrieb. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich eingearbeitet werde, ich habe das Gefühl, dass ich weiter ausgebildet werde. Dass die Lücken gestopft werden, die durch eine verkürzte Ausbildung klaffen. Es macht Spaß, auch wenn es hin und wieder sehr herausfordernd ist. Aber selbst, wenn ein Tag mal schrecklich war, lächle ich, wenn ich am nächsten wieder zur Arbeit fahre. Das ist der Unterschied zu all den anderen Praktika, Versuchen, Maßnahmen und was nicht alles zuvor.

Und manchmal denke ich an den Chef des Jahrespraktikums. Er lud mich nach dem Praktikum mal zum Essen ein, um ein wenig zu plaudern, als ich nachfragte, ob es bei ihnen noch immer einen Einstellungsstopp gab. Er war kein schlechter Mensch und auch kein schlechter Chef, den Eindruck will ich wirklich nicht wecken. Er verlangte allerdings, ich glaube das war ihm auch gar nicht bewusst, zu viel für zu wenig, weil er offenbar selbst bereit war zu viel für zu wenig zu tun. Zum Beispiel erwähnte er bei dem Essen, sicherlich auch eine Anspielung auf meine Arbeitsmoral, dass die jungen Menschen heutzutage gar nicht bereit sind Überstunden zu machen. Ich sagte nicht: „Kein Wunder, wenn die Überstunden bei 20 gedrosselt sind und alles darüber weder bezahlt noch als Freizeitausgleich genommen werden kann und stattdessen einfach nicht zählt.“ Es gibt kaum einen Arbeitstag, bei der aktuellen Firma, den ich nach Punkt acht Stunden beende. Ich bin meistens länger da. Nicht zu lange, weil meine Chefs dann mit dem Zeigefinger wedeln würden. Aber ich bin einfach gerne hier und Überstunden kommen mir nicht wie Zwang vor, sondern sind einfach absolut freiwillig. So lange die Luft nicht brennt. Aber das tut sie, laut Erzählungen, ohnehin nur sehr selten. Auch junge Menschen sind durchaus zu Überstunden bereit, aber nicht zu Konditionen, bei denen erwartet wird, dass man nur lebt um zu arbeiten. Stattdessen gehe ich einfach mal früher oder nehme mir einen halben Tag frei, um sie abzubauen. So machen auch Überstunden Spaß.

Was ist aber letztendlich aus meinem Berufswunsch geworden? Etwas mit Pflanzen oder Tieren. Gibt es einen Beruf, der noch entgegen gesetzter ist als Programmieren? Es grauste mich einst vor dem Gedanken das zu tun, was ich nun täglich tue – im Büro sitzen und in den Bildschirm starren. Ich bin ganz weit weg von dem, was ich mir einst für mich erträumte, nicht wahr? Dieser Gedanke brachte mich neulich zum Lächeln. Das Projekt, an dem ich maßgeblich mitarbeite und für das ich auch eingestellt wurde, ist eine Praxisverwaltungssoftware für Tierärzte. Auf meine ganz eigene Art bin ich genau dort, wo ich beruflich immer ankommen wollte. Ich mache etwas, was Tieren (im entferntesten Sinne und auch nur indirekt, aber) hilft und es macht mir wahnsinnig viel Spaß!

Den Beruf in den nächsten fünfzig Jahren auszuüben, kann ich mir aber selbst in dieser Firma nicht vorstellen. Ich kann mir nämlich absolut nicht vorstellen einundachtzig Jahre alt zu werden. Aber das ist eine andere Geschichte und wird vielleicht in den kommenden Feiertagen erzählt. Man, wie ich derartige Sätze in Märchenbüchern immer verabscheute! Außerdem sind das hier über dreitausend Worte, das geht locker als zwei Blogeinträge durch! Jetz sei ma nich so gierich.

Donnerstag, 31 August 2017

Wenigstens jeden Monat einen!

Das ist zumindest aus dem Vorhaben geworden, wöchentlich einen Blogeintrag zu verfassen. Ich war wirklich noch nie gut darin Tagebuch zu führen, obwohl ich es immer wollte. Welche Ausrede nutzen wir also heute? Faulheit. Einfach mal ehrlich sein. Mimimi so wenig Zeit hier, mimimi so platt da, mimimi mein Schreibpensum wird von einem Brieffreund beinahe komplett ausgereizt! So eine Jammerliese. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mal darüber wetterte, was ich davon halte, wenn Menschen jammern. Bestimmt habe ich mal darüber gejammert, wie schrecklich Jammern ist, wenn nur um des Jammerns Willen gejammert wird. Doppelt hält besser!

Ich werde wirklich wütend, wenn Menschen mir gegenüber die immer selbe Geschichte erzählen. Am Besten liefern sie gleich noch die Lösung dazu. Und eine Ausrede, warum sie die Lösung nicht anpacken. Weil jammern bequemer ist! Und ich so geduldig zuhöre. Bis mir dann der Arsch platzt. Das meist dann aber in Gegenwart anderer. Das Problem ist, dass die Jammerperson sonst gar nichts mehr sagt. Könnte bequem sein, könnte aber auch ihr Leben schwieriger gestalten. Ich weiß nämlich, dass manche Menschen nur mir gegenüber über bestimmte Themen jammern. Also mit den Zähnen malmen, während man lächelnd nickt. Ich jammer gerade über etwas, was sich lösen ließe, setze die Lösung aber nicht um. Hmmm. Aber ich habe ja einen anderen Grund als Bequemlichkeit! Ha! Legitimiert.

Das Beste ist, wenn Menschen über etwas jammern, das ich ebenfalls erlebt habe. Da ich mich ungerne wiederhole, erwähne ich das nur ein Mal. Ebenso, was meine Lösung war. Ein Mal reicht aber auch. Wenn sich gar nichts ändert und das über Wochen und Monate, dann will die Person es nicht. So einfach ist das. Dann will sie nicht. Zumindest will sie es dann nicht genug. Wobei hin und wieder ja auch geistige Erkrankungen schuld daran sind, wenn man den Arsch nicht hoch kriegt und auch Arschtritte keine Motivation, sondern Schmerz liefern. Da kann es schon Mal ein paar Jahre dauern, wenn man es alleine schaffen möchte. Gott, ich kann das ganze Gejammer all der Menschen langsam wirklich nicht mehr hören.

Und wo wir schon bei Gott sind: Mein Glauben – keine Ahnung, ob ich ihn jemals wirklich erwähnte – wurde erschüttert. Oder eher in Frage gestellt und das auf so gute Weise, dass auch ich begann mich zu fragen, ob ich recht habe oder eher weniger. Das alles dank einer Person, die mir aktuell noch ähnlicher als unähnlich ist, obwohl selbstverständlich Differenzen existieren. Allein was die Intelligenz angeht. Ich bin, glaube ich, zu faul um intelligent zu sein. Das war zumindest das, was mir auch zu Schulzeiten von den Lehrern attestiert wurde. „Du bist sooo klug, aber du machst nichts!“ So in etwa. Es gibt also sicherlich das Potential einiges zu erlernen und zu verstehen, ich bin mir nur nicht sicher, ob ich das will. Das mit der Disziplin ist so eine Sache. Wenn ich sie nicht mal ausreichend für meine Leidenschaft aufbringen kann, wie soll ich sie dann für ein Hobby mobilisieren? Faulheit. Einfach nur Faulheit.

Es ist ein großer Fortschritt, dass ich das alles einfach mal zugebe. Ich heiße es nicht gut, weil die Faulheit hin und wieder für recht negatives Zeug sorgte und sorgt. Auch für Dinge, die im Nachhinein schmerzen. Wenigstens aber nur mich selbst. Dennoch, es ist gut es zuzugeben. Über zehn Jahre wehrte ich mich dagegen. Damals wurde es aber als herabwertende Ursache meiner Situation genutzt. „Du kommst nur nicht mit dem gesellschaftlichen Leben klar, weil du faul bist.“ Dabei war es keine Faulheit. Es hat mit absoluter Orientierungslosigkeit und Resignation angefangen. Und es ist zu einem kleinen Alptraum geworden. Ich habe einiges an Selbstbewusstsein eingebüßt, gerade in den letzten Jahren vor dem Ende von 2012. Dieses Selbstbewusstsein fehlt mir bis Heute. Ich habe mich auch in negativer Weise zu einem Randmensch gemacht. Einem, der sich selbst sagt, dass es okay ist, wenn er ignoriert, vergessen oder links liegen gelassen wird. Ich verstehe es dann einfach, anstatt Aufmerksamkeit einzufordern.

Ein Beispiel? Für Sonntag kündigt sich ein Mensch an, dem ich etwas näher stehe, als einem Bekannten, aber nicht nah genug, um aus tiefstem Herzen „Freund“ zu demjenigen zu sagen. Nur wenige Tage nach der Ankündigung fragt ein Freund (einer, wie ich ihn jedem Menschen nur wünschen kann), ob ich am Sonntag Zeit hätte. Ich sage ab und wir verschieben es auf einen anderen Tag, weil der Sonntag schon okkupiert wurde. Am Sonntag dann, schreibe ich gegen Abend dem Menschen und frage, wie es aussieht. Es kommt eine relativ einsilbige Antwort. Man ist verhindert. Der Freund kann auch nicht mehr, weil zu kurzfristig und yay ein Sonntag allein. Die Sonntage machen mir in letzter Zeit ohnehin zu schaffen. Es würde sich doch jeder an meiner Stelle aufregen oder nicht?

Ich tue es nicht mehr. Nicht mehr bei diesem Menschen. Das sagt auch schon genug darüber aus, wie oft exakt diese Nummer geschah. Ich warte und warte und freue mich vor. Man schätze mich, sagt man. Selbstverständlich. Weil hier und da und sowieso. Eine rechtzeitige Absage – eine ohne meiner Nachfrage – bin ich allerdings nicht wert. Und genau das lasse ich mit mir machen. Weil doch jeder sein Päckchen zu tragen hat. Weil nicht jeder das mit Angaben wie „Ich komme am Sonntag vorbei“ derart wörtlich nimmt wie ich. Für jene ist es nur ein „vielleicht“. Ich nutze das Wort, falls ich nicht fest einplane vorbei zu kommen, andere tun es nicht. Und habe doch auch ein wenig Nachsicht, dass man halt nicht an dich denkt, wenn es einem selbst schlecht geht. Natürlich ist das auch mir passiert. Jenen Freund, das verschobene Plaudern, das habe ich vor gar nicht langer Zeit einfach nur verschwitzt. Es kommt vor, allerdings erhält man von mir eine Entschuldigung und wenn ich doch nicht kann oder keine Lust habe, sage ich, nach Möglichkeit, rechtzeitig ab. Ich weiß nämlich wie es ist, wenn man das jemandem nicht wert ist. Mit solchen Menschen mache ich aber auch gar nicht erst etwas aus. Aber sie sind einfach nur anders als Du, also hab Nachsicht. Und hab Nachsicht. Und Nachsicht. Und… du bist niemand.

So in etwa fühlt es sich an. Also werde ich dem ziemlich gleichgültig gegenüber. Ich höre auf alles für bestimmte Menschen stehen und liegen zu lassen. Das ist etwas, was viele von mir gewöhnt sind. Und es ist für einige einfach nur vorbei. Wenn sie sich nicht auch mal nach mir ausrichten können, dann wird sich eben gar nicht mehr ausgerichtet. Ich höre auf Menschen hinterher zu rennen, die das nicht nur als selbstverständlich erachten, sondern es offensichtlich auch noch genießen und am Besten: erwarten. Weil sie selbst anscheinend derart wenig Selbstwertgefühl besitzen, dass sie aus genau dieser RomCom-Scheiße ziehen. Wenn ich noch ein Mal den Satz höre „Ich hätte erwartet, dass er/sie um mich kämpft“, dann platzt mir ein Ei. Vermutlich bin ich deshalb weiblich, weil es längst geschehen ist. Bei mir ist man damit an der absolut falschen Adresse und für Gewöhnlich weiß das ein Mensch auch. Es gibt genau zwei Möglichkeiten, die dazu führen, dass ich einen Menschen aufgebe. Erstens: Der Kontakt zu ihm, beginnt mich zu zerstören. Zweitens: Er sagt mir, dass er keinen Kontakt mehr haben möchte. Wer Zweitens unbedacht tut, weil er erwartet, dass ich dann Kunststückchen mache, winsle und bettle, der erlebt ein bitteres Erwachen. Ich bin ein sehr verspieltes Wesen, halte aber nichts von derartigen Spielchen. Und wenn ich merke, dass ich an so einen Menschen geraten bin, dann verschwindet die Streunerin irgendwann, ausnahmsweise auch ohne sich zu verabschieden. Es ist wirklich schön ein wenig seines Selbstbewusstseins und -wertgefühls wieder zu erlangen. Mein Leben ist schön. Trotz allen schrecklichen Dingen, die ich erlebt habe. Jede Bereicherung ist mir willkommen, sollte aber nicht vergessen, dass es nicht mein Leben sein wird, dass an Farbe verliert, wenn die grüne Wölfin sich entschließt weiter zu ziehen. Wie konnte es nur geschehen? Wie konnte es so weit kommen, dass ich mich derart behandeln lasse? Die Wut, die Tränen … das alles sind jene Menschen nicht wert.

Also denke ich an die Lichtblicke der Strohhalme im Nadelhaufen. So einen habe ich neulich erst wieder gefunden, ganz ohne es anzustrengen. Eigentlich machte ich nur mal wieder dieses Ding, in dem ich einem wildfremden Menschen schreibe, weil es mich frustriert die Antwort selbst zu finden. Weil das Internet einfach nicht die richtigen Antworten ausspuckt, sondern nur auf ganz andere Fragen. Also denke ich dann: „Hey, da ist doch dieser Astronom, dessen Blog Du gerne liest!“ Und schon hat der Herr Freistetter eine E-Mail. Oder ich stolpere über den Herrn Volkert, bei meiner Recherche darüber, wie man Gitarren baut. Auch er hat mir freundlicherweise sogar sehr weiter geholfen, obwohl er diese Zeit niemandem in Rechnung stellen konnte. Als nächstes war dann ein Biologe dran. Ein Forensiker. Einer, bei dem ich schon nach kurzer Zeit des Lesens seines Blog den Gedanken hatte, dass er und ich uns entweder wirklich gut verstehen würden oder abgrundtief verachten. Er war einer der Menschen, an die ich schreiben wollte, aber auf andere Weise als an Herrn Volkert oder Freistetter. Auf die Weise, wie ich schon sehr vielen Fremden schrieb. Sehr lange Briefe, die nie abgeschickt wurden. Keine Liebesbriefe – muss ja obligatorisch erwähnt werden. Keine Fanpost – ebenso obligatorisch erwähnt. Einfach nur ein Monolog, von dem man weiß, dass man ihn nie abschicken wird. Weil die Person entweder zu weit weg ist oder weil sie zu nah ist. Wobei zweiteres kein Problem ist, da diese Art Brief ohne Absender auf Reise geht, wenn er doch mal abgeschickt wird.

Zum Glück kam es aber anders. Zum Glück schrieb ich nicht die zweite Art des Briefes, sondern hatte Fragen zu einem absolut anderen Thema. Wer könnte einem Fragen über DNS besser beantworten? Bestimmt irgendjemand, der aber nicht schneller erreichbar war, als die E-Mail des Forensikers herauszuwühlen. Also reihte er sich bei den anderen Herren und Damen ein, die ich schon spontan befragte, weil das Internet nicht gut genug antwortete. Nicht präzise genug. Und natürlich tat ich es auf meine Weise. Als ich das Muse gegenüber erwähnte, brauchte ich nicht weitersprechen. Er sagte: „Mit Waaahnsinn!“ Wie gut er mich doch kennt. Der Wahnsinn wird natürlich nicht immer eingesetzt, aber bei diesem Menschen schien er angebracht. War er. Aus einer Frage wurde eine Antwort, wurde eine Frage, wurde eine Antwort, wurde eine Antwort und eine Korrespondenz. Mit einem perfekten Fremden, nur unter anderen Bedingungen als üblich. Es ist schön. Es bringt mich dazu laut aufzulachen und dazu tief in mich zu gehen, um über mich nachzudenken. Mich und mein Denken. Eine Herausforderung. Ein Kennenlernen. Das fehlte mir in den letzten Jahren. Jemand, der mich auf die Weise kennen lernt, dass auch ich etwas über mich erfahre. Es ist schön und ich freue mich, auch wenn meine Antworten natürlich immer ein wenig länger sind. So, 8000 Worte lang. Ich dachte mich fickt ein Elch, als ich das zu Ende geschrieben und aus Gewohnheit die Wortanzahl ermitteln ließ. Das habe ich noch nie in Briefform geschafft. Schon gar nicht an jemanden, dem ich den Brief auch abschicke. Email. Wie auch immer! Ich freue mich. Es tut gut, vor allem der Philanthropie. Es gibt sie noch, die Menschen, die einen zum Schmunzeln und nicht zum Zähnemalmen bringen.

Und! Auch extremst wichtig, weil toll und sowieso! Heute kam meine DVD-Bestellung von „We need to talk about Kevin“. Ich liebe diesen Film. Außerdem habe ich neulich noch drei andere gekauft. Auch alles Filme, die ich liebe. Die Sammlung wächst nach all den Jahren weiter und ich bin fröhlich. Bald noch das unfassbar kitschige Geschirr, mit dem ich dann im Oktober den Tisch decke und eine neue Waschmaschine. Der Rechner wird wohl noch warten müssen, weil ich lieber erst für Abchasientickets zurück lege. Die Hälfte habe ich schon auf der sicheren Kante. Das Hinticket ist also sicher und es ist trotzdem etwas absolut krasses passiert: Es ist Monatsende und ich habe Geld übrig. Das ist ein sehr befreiendes Gefühl, wenn ich an die letzten Monate zuvor denke. Nie wieder tagelang Pfannkuchen essen! Gut, war jetzt nicht schlimm oder so, weil ich Pfannkuchen mag, aber die Gesundheit wird es mir sicherlich danken, wenn es nicht mehr vorkommt. Ein schönes Gefühl. Ein so schönes Gefühl, dass es mich bestürzt. Wie abhängig wir doch von digitaler Baumwolle sind und wie sehr ihr Nichtbesitz mich in den letzten Jahren belastete … Es war mir nicht bewusst. Nun verstehe ich aber, warum so viele Menschen nach Geld streben. Ich wusste natürlich, dass es darum ging in Ruhe leben zu können. Nur wie sich diese Ruhe anfühlt, wusste ich nie. Diese Erfahrung nun zu machen, ist schön und niederschmetternd zu Gleich. Ich will lieber die Wildnis. Die Primitivität. Das, was andere als Armut ansehen. Ich brauche nämlich, noch immer und trotz allem, kein Geld, um reich zu sein. Das brauche ich nur, um in Deutschland leben zu können. Irgendwie ist das verrückt. Die Linken wähle ich deshalb trotzdem noch lange nicht! Scheiß dreckiger Kommunismus. Alter! Das muss ich noch loswerden.

In der Schule, im Gemeinschaftskundeunterricht der achten Klasse, um genau zu sein, hatten wir einst die Hausaufgabe Wahlzettel gültig auszufüllen. Ich tat gar nichts. Zu dem Zeitpunkt lieferte ich auch so nie meine Hausaufgaben ab, der Grund war aber zusätzlich ein anderer: Als die Lehrerin herum ging und die Zettel in der nächsten Stunde einsammelte, sah sie, dass meine unberührt geblieben waren. Sie fragte, warum ich die Hausaugabe nicht gemacht hätte. Ich sagte: „Habe ich. Ich werde später nicht wählen gehen.“ Ich hätte niemals geglaubt, wie wütend man einen Menschen mit dieser Aussage machen kann. Auch im Nachhinein hat mich nie wieder jemand derart wütend zur Sau gemacht, wenn ich sagte, dass ich nicht wähle. Trotz linker Schlagseite, war es Pispers, der sehr gut zusammenfasste, worum es ging: „Die Jugend“, sagte er, „ist nicht Politikverdrossen, sondern Politikerverdrossen.“ Bis heute hält das an. Bis heute habe ich nicht ein einziges Mal gewählt. Ich bekam auch nur am Rande mit, dass wieder Wahlkampf ist. Dann landete die Benachrichtigung im Postkasten und ich ließ mir die Briefwahlunterlagen zukommen. Einfach nur um zu sehen, was es da so alles gibt. Natürlich kennt man die üblichen verdächtigen vom Namen her, aber wie sieht es mit Alternativen aus? Wenn man sich so lange von Parteien abgewandt hatte, ist es schwierig sich einfach einzulesen. Also hielt ich es für klug, mich an dem Wahlzettel zu orientieren. Ich saß also da, als die Unterlagen ankamen, und stöberte ein Wahl- und Parteiprogramm nach dem anderen durch. Manches Mal unter der Gefahr zu erblinden, weil die Internetpräsenzen der Parteien derart ätzend waren. Und ich las bei den Meisten kaum mehr als wenige Zeilen, weil da Worte waren. Abschreckende Worte. „Schöpfung“ zum Beispiel. Das ist etwas, was ich aus dem Mund eines Geistlichen erwarte, aber niemals aus dem eines Politikers. Niemals.

Es wurde aber alles noch schlimmer. Ich entdeckte, dass es eine Partei gibt, die bei mir unter dem Radar geblieben war. Die MLPD. Scheiß die Wand an. Die haben sogar Hammer und Sichel in ihrem Banner. HAMMER UND SICHEL! Ich könnte mich aufregen. Ich hoffe, dass die NPD verboten wird. Ich hoffe es, weil dann niemand sagen kann, dass es was anderes sei, wenn ich verlangen werde, dass man auch die MLPD verbietet! Scheiße bleibt scheiße, egal ob weich oder hart. Diese ganzen Spaten sind genau so schlimm, wie die Leute, die unbedingt im Mittelalter leben wollen. Klar, wenn man es romantisiert, war es total schön. Wenn man aber ehrlich ist, ist man damals einfach nur verreckt.

Meine Politikerverdrossenheit wurde durch mein mich Informieren übrigens nur wieder angestachelt, was doof ist. Entweder wähle ich (vorerst) weiterhin gar nicht oder Die Partei. Und wenn sie sich auf den Kopf stellen, ich werde es nicht am Stück groß schreiben. Weil ich ein Rebell bin.

Donnerstag, 20 Juli 2017

Liegen bleiben für Fortgeschrittene

 

Das Auto meiner Eltern ist dreizehn Jahre alt. Es hat 140 000 Kilometer auf dem Buckel und ist ein Automatikauto. Es kränkelt und schwächelt. Seit Monaten. Da mein Vater ein äußerst zuverlässiger Mensch ist, hat er es auch ein Mal bei der Werkstatt vorgestellt und die Situation erklärt. Man hat damit eine Probefahrt gemacht, nichts festgestellt und gesagt es sei nicht schlimm, was auch immer es hat. Gestern war es aber so schlimm, dass ich am Ende zitterte.

Ich weiß absolut nicht, wie ich es vernünftig erklären soll. Es ruckelt und hüpft und springt, als würde ein Fahranfänger sich größte Mühe geben es abzuwürgen – ein Automatikauto lässt sich aber nicht abwürgen. Drei Mal kam es vor, dass es gerade beim runter und raufschalten sich derartig verhielt. Alle drei Mal war es nach einer etwa 50 Kilometerfahrt beim Abfahren von der Autobahn. Gestern war es zum Glück der Rückweg und die Werktstatt war zum Glück keinen Kilometer entfernt. Ich habe es abgeliefert, die Situation erklärt und ratlos wurden sich Notizen gemacht. Heute soll ich vorbei kommen. Sollte der Schaltmotor oder wie auch immer sich das schimpft beim Getriebe gewechselt werden, könnte das teuer werden. Vielleicht werden sie aber wieder nichts finden. Beides sind nicht rosige Aussichten, wenn man nach so langer Zeit endlich eine perfekte Arbeitsstelle hat, die aber leider ausschließlich mit dem Auto erreichbar ist. Heute habe ich frei bekommen und später klärt sich dann, wie es nun weiter geht. Ich müsste komplett mit den Nerven am Ende sein und obwohl ich gestern ziemlich am Zittern war und durch den Wind, war ich im Grunde … ruhig.

Diese Ruhe ist recht ungewöhnlich für mich. Ich war für einen Augenblick den Tränen nahe, aber das auch nur, weil ich mich gnadenlos alleine fühle. Mein Vater hat nach fünf Jahren Trockensein und unerträglichen Schmerzen beschlossen, letztere wieder in Alkohol einzulegen. Obwohl er gestern „nur“ angeheitert war, kann er mir so nicht beistehen. Vielleicht muss ich nach einem Gebrauchtwagen Ausschau halten und das sehr schnell. Ich bin nicht gut darin bestimmte Emotionen zu verbergen und ich weiß nicht, wie Autohändler reagieren, wenn sie merken, dass man schnellstmöglich ein Auto braucht, weil man zur Arbeit muss. Vielleicht kann ich einen meiner Onkel anhauen, ob sie mitkämen. Und dann würde alles Mögliche folgen. Abmelden, anmelden, ummelden, Versicherung und irgendetwas, das ich vermutlich vergessen habe. Und ich sitze ganz ruhig hier. Das wird sich stellenweise noch ändern, aber die Grundstimmung ist so … seltsam. Ich weiß nicht, ob es wahre Ruhe ist oder ob ich einfach nur betäubt bin.

Ich glaube wahre Ruhe war es auf der Arbeit. Vorgestern glaubte ich etwas schwieriges, neues umgesetzt zu haben. Es wollte aber auf Teufel komm raus nicht funktionieren. Ich habe alles mögliche ausprobiert und erhielt nur Fehlermeldungen, die nicht sehr präzise waren. Nicht zu wissen, was genau ein Fehler sein könnte und stattdessen drei, vier mögliche Quellen zu haben, hätte mich früher richtig fertig gemacht. Ich hätte keine Lust gehabt am nächsten Tag zur Arbeit zu gehen. Das war anders. Ich dachte am Abend zwei Mal, für unter zehn Sekunden, dass da ein schwieriges Problem wartet. Losgefahren bin ich dennoch, ohne, wie in solchen Momenten üblich, unglaublich viel Disziplin aufbringen zu müssen, um überhaupt aufzustehen. Am Nachmittag fand sich auch, mit Hilfe der weit erfahreneren Kollegin, eine Lösung. Eine einfache Lösung, wenn man nur weiß wonach suchen. Das muss ich noch lernen und ich war wieder fröhlich. Es war ein sehr heißer Tag, ohne Klimaanlage, und ich blieb bis 17 Uhr, obwohl ich auch hätte früher gehen können. Ich wollte einfach nur wissen, ob ich es kann. Hitze ertragen und dennoch produktiv sein.

Und dann protestierte das Auto. Nahezu neben der Werkstatt. Der Senior sagte ich könne mit seiner Frau fahren, weil mein Örtchen auf ihrem Weg sei und bräuchte nicht den Bus zu nehmen. Es machte aber den Anschein, dass sie noch 20-30 Minuten arbeiten wollte. Als ich raus ging, um meine Sachen aus dem Auto zu holen, trag ich die Cousine meines Vaters. Sie nahm mich mit. Ich hätte nur mehr Glück haben können, wenn das Auto einfach nicht gezickt hätte. Ich frage mich, was sich herausstellen wird. Es ist so alt, dass die Möglichkeit besteht, dass einfach nicht vernünftig gesucht wird und man mir stattdessen den Kauf eines anderen nahe legt. Dieses Autohaus glaubt wohl, dass ich dann bei ihnen kaufen würde, weil meine Eltern seit je her bei ihnen kauften. Mit der Zeit wurden sie aber immer unzufriedener. Warum sollte ich, die alles mitbekommen hat, also dort einkaufen? Erschließt sich mir nicht. Also gehe ich zu dem nächsten Autohaus, geführt von Brüdern mit einigen Mitarbeitern, Auszeichnungen und sehr guten Bewertungen. Vielleicht steht da ein solides, nicht allzu teures Auto und wartet nur auf einen Besitzer. Ich muss ja nur die Probezeit hinter mich bringen. Dann würde ich ohnehin nach einem Neuwagen Ausschau halten, weil mich dann auch ein Kredit nicht so sehr verängstigen würde. Das kleine, grüne Auto hat aber beschlossen der Vernunft einen Strich durch die Rechnung zu ziehen. Oder eher sich selbst drauf zu setzen, ehe es einen Strich unter sich zieht. So wie es aussieht, wird das auch keiner mehr haben wollen, außer vielleicht für einen Apfel und ein Ei. Es ist ungepflegt. Ich habe es nie eingesehen, weil es nicht meins ist und Vaddern gerne so etwas abwälzt. Sein Lebensmotto ist: „Einfach keine Angst davor haben, dann passiert es auch nicht.“ Wenn dieses ominöse Stottern passierte, dann immer nur in den Momenten, in denen ich keine Angst hatte. Klappt wohl nicht, das Lebensmotto, das mittlerweile ein rotes Tuch für mich ist. Das ist die Ausrede, um nicht vorsichtig zu sein. Ein schwieriger Mensch.

Aus dem Projekt der 52 Einträge im Jahr wurde und wird nichts. Ich nutze die Wochenenden um gar nichts zu tun. Manchmal muss ich ein Kapitel schreiben. Meist ist es aber zu warm, um etwas zu tun oder ich bin zu faul, um etwas zu tun. Ich sollte zum Beispiel mal wieder aufräumen. Das ewige, leidige Thema. Trotz all der Ruhe (oder Betäubtheit), habe ich das Gefühl, dass ich noch mehr meiner Ruhe brauche. Also ziehe ich mich ein wenig zurück. Und Menschen nerven. Menschen, die es verletzen würde, wenn sie wüssten, wie sehr sie mich in diesen Momenten mit ihren Unzulänglichkeiten nerven. Unzulänglichkeiten, die nie schwer ins Gewicht fallen, wenn ich gute Laune habe bzw. nicht so ausgelaugt bin. Ich glaube die Ruhe ist doch nur Betäubung. Aber es hilft. Also was soll’s. Wird ja auch wieder besser. In zehn Monaten, oder eher neun, fliege ich wieder nach Hause. Auch da habe ich leider nicht mehr die Ruhe, die ich dort gewöhnt bin, weil der Mann meiner Tante ein Säufer ist und herumbrüllt. Aber es zieht mich dennoch dorthin. Ich kann mich ja in den Hasenhain zurück ziehen. Im Mai ist es dafür warm genug. Nur im Winter gab es kaum eine Möglichkeit den Streitigkeiten, von denen ich glaube sie nie wieder zu hören, zu entfliehen. Genau so haben sich auch meine Eltern gestritten und so hat sich auch mein Vater verhalten, wenn er besoffen war. Aber meine Mutter ist tot. Und mein Vater, die Sicherheit habe ich mir naiverweise gegönnt, ist trocken. So viel dazu.

Aber, und das ist meine leichtfertige Einstellung zum Leben, es wird wieder. Einfach, weil es muss. Manchmal muss man ein wenig nachhelfen, aber jammern allein hat noch nie geholfen. Also jammern wir nur selten und versuchen stattdessen einfach die ungemütlichen Zustände zu ändern. Und schon geht es wieder mit einem Lächeln der Zukunft entgegen. Denn … allem Weh zum Trotze … Nee, ich habe schon mal Hesses gestutzte Eiche zitiert. Ich mag das Gedicht aber so sehr. Es trifft ganz gut, was ich empfinde. Mit etwas weniger Melodramatik, was den Hohn der Welt angeht. Ich identifiziere mich auch eher mit der Eiche als dem Protagonisten des Gedichts. Bis auf den letzten Satz. Der ist wirklich schön. Ach was soll’s! Bleib ich verliebt in diese tolle Welt!

Sonntag, 4 Juni 2017

Mein Freund der Pfirsichbaum

 

In meinem Garten steht ein Pfirsichbäumchen, das ich im Laufe der Jahre verdammt lieb gewonnen habe. Das liegt nicht zu Letzt daran, dass er verdammt große, verdammt leckere Früchte trägt, die zu der besten Pfirsichmarmelade verarbeitet werden können, die ich jemals aß.

Das Problem ist, dass das Bäumchen auf meiner Wildwiese steht. Dort hat ein gewisser Herr, der auf den Namen „Papa“ hört, keine Befugnis sich auszutoben, damit die Pflanzen wild wachsen können. Er hielt sich in den letzten Jahren nur selten an dieses Verbot beim Pfirsichbäumchen. Er weiß nämlich was er tut und Obstbäume müssen unbedingt beschnitten werden, damit sie im nächsten Jahr wieder Früchte tragen. Das weiß mein Pfirsich aber nicht, also trug er bisher einfach in jedem Jahr gigantische Pfirsiche und in dem Jahr, in welchem er zuvor nicht beschnitten wurde, hatte er die größte Ernte eingebracht, von fast zehn Kilogramm. Bei seiner Größe ist das wirklich erstaunlich. Außerdem ließ ich, wie immer, einige Pfirsiche für die Insekten und Vögel hängen. Also wären es sonst vielleicht elf Kilogramm gewesen.

Gegen einen vernünftigen Schnitt hätte ich gar nicht so viel einzuwenden, aber ich beherrsche das nicht und würde dem Baum mehr schaden als nützen. Vattern hat den Baum vor einigen Jahren regelrecht zerschnitten. Im nächsten Jahr blieb die Ernte komplett aus. Danach sagte er, dass er den Baum nicht mehr stören würde. Ich war erleichtert. Letztes Jahr hat er diese Worte aber vergessen und aus meinem schönen Bäumchen eines gemacht, das spätestens in ein paar Jahren große Probleme bekommen hätte, wenn Äste an manchen Stellen zu schwer geworden wären. Vattern hat nämlich nicht darauf geachtet, dass da ein Gleichgewicht bestehen bleibt. Und ich fürchte er hat das kranke Bäumchen nur zusätzlich geschädigt.

Das Bäumchen hat nämlich die Kräuselkrankheit in einigen seiner Jahre gehabt. Allerdings war sie nie sehr ausgeprägt und der Baum hat dennoch immer gesunde, saftige Früchte getragen. Dieses Jahr war er wieder befallen. Dieses Jahr fiel mir aber auch auf, dass er nach unzähligen Blüten im Frühjahr, vergleichsweise wenige Blätter austrieb. Ich machte mir Sorgen, aber ich wusste nicht, ob ich da auch nicht überreagiere, weil ich immer noch wütend darüber bin, dass Vattern ihn zu Hermann Hesses gestutzter Eiche machte! Und dann ging ich heute morgen raus.

Nicht nur an einigen der kahlen Äste, sondern vor allem auch zwischen einer Verzweigung der Hauptäste, ist sehr viel Gummifluss. Das hatte mein Bäumchen noch nie. Das zeigt, dass es sehr geschwächt ist. Jetzt noch etwas zu unternehmen wird schwierig. Man soll die betroffenen Äste mit scharfen Werkzeugen abschneiden. Allerdings habe ich den Gummifluss am Bäumchen eben auch zwischen den zwei Hauptstämmen. Das heißt ich müsste es komplett fällen. Mein Bäumchen wird also unter Umständen sterben und ich bin sehr wütend. Es ist vielleicht auch einfach ungesund, wie sehr mir das Bäumchen am Herzen liegt – nicht nur wegen seiner Früchte. Nicht mal hauptsächlich wegen seiner Früchte. Ich habe ihn einfach gern gewonnen, weil sein Anblick mich immer erfreute, wenn ich im Garten saß. Nun ist mir nach Weinen zu Mute.

Letztes Jahr habe ich versucht ihn über Stecklinge zu vermehren, aber ich habe so etwas noch nie gemacht und es hat nicht funktioniert. Leider habe ich Vattern davon erzählt. Das führte dazu, dass er diesen Frühling zwanzig bis dreißig Astspitzen abschnitt, die reichlich Blüten trugen. Ich habe es aufgegeben. Ich habe ihm nicht gesagt, dass gerade das nicht klappen wird. Anstatt das Internet mal für vernünftige Dinge zu nutzen, schaut er sich nur hirnverbrannte Youtube-Videos an oder klickt dubiose Werbungen an, die seinen Rechner sicher mit dutzend Viren verseucht haben. Ich klinge ein wenig wie der Elternteil und er das Kind. Das Traurige ist: Ich habe schon mit dem Gedanken gespielt eine Kindersicherung auf seinem Rechner anzubringen.

Wenn ich also Pech habe, wird mein Bäumchen sterben, ohne, dass ich es klonen kann. Nun soll man natürlich nur gesunde Triebe zur Stecklingsvermehrung nutzen. Er hat auch noch einige gesunde Triebe, von diesem Jahr, die nicht von der Kräuselkrankheit und dem Gummifluss betroffen sind. Nächste Woche, wenn das Wetter stimmt, und ein natürliches Wurzeltreibungsmittel, das ich vorhin sofort bestellte, ankommt, werde ich es trotz allem versuchen. Ich kann es nicht einfach so sterben lassen, ohne wenigstens zu versuchen ein paar Stecklinge zu sichern. Sie in gute Erde im Topf zu pflanzen und auf das Beste zu hoffen. Im Garten werde ich sie im Herbst 2018 dann als junge Bäumchen an diversen Stellen auspflanzen, um zu vermeiden, dass es an der Erde lag. Ich muss noch so vieles lesen, wie genau der Boden für Pfirsiche am Besten beschaffen sein muss und wie ich der Kräuselkrankheit künftig entgegen wirken kann, bevor sie die Bäumchen befällt.

Was werde ich aber gegen den schneidewütigen Mann unternehmen, der es dieses Mal vielleicht so sehr übertrieb, dass er den Baum dadurch schwächte und für seinen derzeitigen Zustand sorgte? Nichts. Ich kann gar nichts tun. Eines der Bäumchen werde ich im Topf behalten. Ich habe sehr, sehr große Töpfe. Darin kann ich es sicherlich einige Jahre pflegen und hegen. Würde ich nicht glauben, dass ich dem Baum große Schmerzen dabei zufüge, würde ich auch ein wenig die Art der Haltung nutzen, die an Bonsai erinnert. Aber nicht mit dem Ziel ihn klein zu halten, sondern einfach nur, um ihm auch im Topf genug Lebensraum und Nährstoffe anbieten zu können. Allerdings werden Wurzeln bei der Bonsaihaltung derart getrimmt, dass es einfach wehtun muss. Nur, weil ich eine Pflanze nicht schreien hören kann – dass sie es tun wurde in diversen wissenschaftlichen Studien bewiesen, deren Quellen ich gerade nicht zur Hand habe – heißt das nicht, dass es ihm keine Schmerzen zufügt. Aber es gedeiht doch, es blüht, es sieht hübsch aus! Ich weiß nicht, ob das als Anzeichen für eine glückliche Pflanze reicht. Wir wissen doch so gar nichts von dem, was einen Baum wirklich glücklich macht. Über die Pflege und das, was er braucht, darüber wissen wir viel. Aber was, wenn er gerne Artgenossen bei sich hat?

Na gut, das sind nun Themen, die mir regelmäßig den Ruf einbringen dumm und eine Esotante zu sein. Deshalb spreche ich es nicht mehr an. Ich schweige mich dazu aus, weil ich es satt habe und müde bin. Ich bin so müde von Menschen, die mich für etwas belächeln, nur weil sie es sich nicht vorstellen können. Dabei sind auch Pflanzen evolutionstechnisch mit uns verwandt. Sie sind unsere Brüder und Schwestern. Wir haben einen gemeinsamen Vorfahren. Sie haben sich anders entwickelt, aber je mehr ich über Pflanzen lese (ich muss mir unbedingt ein paar der Quellen zusammen suchen), desto mehr beeindruckt mich die grüne Welt. Pflanzen sind die wahren Giftmischer und sie sind zum Teil Auftragsmörder. Von der Akazienart, die den Bestand einer Antilopenart kontrolliert, will ich gar nicht erst anfangen. Irgendwo in einer GEO-Sonderausgabe über Pflanzen, las ich davon. Wenn die Antilopen dieser Akazie zu viele Blätter abzupfen, beginnt sie ein Mittel zu brauen, das im Magen der Antilopen dafür sorgt, dass sie die Blätter nicht mehr verdauen können. Boom, verhungern bei vollem Magen. Das macht die Akazie aber nur dann, wenn die Antilopen zu frech werden. Ich muss unbedingt noch nachlesen, ob das auch wirklich stimmt.

Aber nicht jetzt. Jetzt weiß ich einfach gar nichts mit meinem Sonntag anzufangen. Der Anblick des Bäumchens mit all dem Gummifluss hat mich einfach nur komplett runter gerissen. Ich hätte heute einiges vorgehabt, aber nun habe ich alles auf Morgen verschoben, obwohl ich genau weiß, dass ein Feiertag dafür nicht ausreicht. Aber es ist mir egal. Ich muss nachlesen, welche Erde ich für die Stecklinge am Besten brauche. Es ist einfach so gemein. So unbeschreiblich gemein. Ich hoffe ich kriege wenigstens einen Steckling zum Austreiben. Das Bäumchen mag nicht mehr gesund sein. Es mag sehr schwach sein. Aber wenn auch nur ein Steckling Wurzeln treibt, werde ich wenigstens den kleinen Klon gesund pflegen können. Manchmal würde ich das Bäumchen am Liebsten einfach absägen. Dann kann Vattern ihm nicht mehr weh tun. Aber vielleicht bevorzugt es ein zerschnittenes Leben dem Tod. Wer bin ich, um das für ein anderes Lebewesen zu entscheiden? Es hat die letzten Jahre so sehr gelebt, trotz des Zerschneidens. Das ist der Grund, warum ich es so lieb habe. Es hat allem getrotzt. Es hat sich von der Kräuselkrankheit, wenn es befallen war, nichts sagen lassen. Hat trotzdem gesunde(!) Früchte getragen. Hat trotzdem jedes Jahr ausgetrieben. Aber offenbar war es wie so oft im Leben. Hinter der Stärke verborgen, lauerte die Schwäche und irgendwann … geht es einfach nicht mehr.

Ich wünschte es könnte mir sagen, wie ich ihm am Besten helfen kann. Ob ich es überhaupt noch kann. Ob ich nicht viel früher etwas hätte tun sollen, aber ich wusste nicht was. Ich wusste nicht wie. Und jetzt, wo es vielleicht zu spät ist, habe ich natürlich ein schlechtes Gewissen meinem Bäumchen gegenüber. Ich hätte es irgendwie vor den stumpfen Werkzeugen des Vattern beschützen müssen. Weil dieser Mann einfach nichts vernünftig machen kann. Gar nichts. So sehr er es auch möchte, es gelingt ihm einfach nicht. Und auch dafür liebe ich Paps. Für den guten Willen, von dem er so unendlich viel in sich trägt. Auch wenn das Bäumchen stirbt und auch wenn er vielleicht, mit dem letzten Zerschnitt, dem Baum den letzten Stoß damit gab, um seine Stärke zu verlieren, selbst dann werde ich nicht ewig grollen. Nicht, weil es „nur“ ein Bäumchen ist, sondern, weil ich weiß, wie gut er es gemeint hat. Dass er dem Baum etwas wirklich gutes tun wollte. Und weil ich ganz genau weiß, wie sehr es ihn mitnehmen wird zu sehen, wie der Baum stirbt – falls er stirbt. Oder er wird behaupten es sei meine Schuld, weil ich die Wiese um den Baum herum nicht „pflege“. Dann wird es verdammt lauten Streit geben, ich werde mich zurück ziehen, er wird binnen kürzester Zeit so tun als sei nichts gewesen und letztendlich werde ich wieder nachgeben. So funktioniert Familie nun mal. Und ich liebe sie trotzdem.

Ob als Baum oder als Steckling, ich hoffe mein kleiner Freund bleibt mir erhalten. Vielleicht sollte ich einfach die Finger davon lassen. Vielleicht eigne ich mich einfach nicht dazu, mich um andere Lebewesen zu kümmern, Verantwortung für sie zu übernehmen. Aber ich möchte es wenigstens versuchen. Ich muss mir nur mehr Mühe geben.