Sonntag, 4 Juni 2017

Mein Freund der Pfirsichbaum

 

In meinem Garten steht ein Pfirsichbäumchen, das ich im Laufe der Jahre verdammt lieb gewonnen habe. Das liegt nicht zu Letzt daran, dass er verdammt große, verdammt leckere Früchte trägt, die zu der besten Pfirsichmarmelade verarbeitet werden können, die ich jemals aß.

Das Problem ist, dass das Bäumchen auf meiner Wildwiese steht. Dort hat ein gewisser Herr, der auf den Namen „Papa“ hört, keine Befugnis sich auszutoben, damit die Pflanzen wild wachsen können. Er hielt sich in den letzten Jahren nur selten an dieses Verbot beim Pfirsichbäumchen. Er weiß nämlich was er tut und Obstbäume müssen unbedingt beschnitten werden, damit sie im nächsten Jahr wieder Früchte tragen. Das weiß mein Pfirsich aber nicht, also trug er bisher einfach in jedem Jahr gigantische Pfirsiche und in dem Jahr, in welchem er zuvor nicht beschnitten wurde, hatte er die größte Ernte eingebracht, von fast zehn Kilogramm. Bei seiner Größe ist das wirklich erstaunlich. Außerdem ließ ich, wie immer, einige Pfirsiche für die Insekten und Vögel hängen. Also wären es sonst vielleicht elf Kilogramm gewesen.

Gegen einen vernünftigen Schnitt hätte ich gar nicht so viel einzuwenden, aber ich beherrsche das nicht und würde dem Baum mehr schaden als nützen. Vattern hat den Baum vor einigen Jahren regelrecht zerschnitten. Im nächsten Jahr blieb die Ernte komplett aus. Danach sagte er, dass er den Baum nicht mehr stören würde. Ich war erleichtert. Letztes Jahr hat er diese Worte aber vergessen und aus meinem schönen Bäumchen eines gemacht, das spätestens in ein paar Jahren große Probleme bekommen hätte, wenn Äste an manchen Stellen zu schwer geworden wären. Vattern hat nämlich nicht darauf geachtet, dass da ein Gleichgewicht bestehen bleibt. Und ich fürchte er hat das kranke Bäumchen nur zusätzlich geschädigt.

Das Bäumchen hat nämlich die Kräuselkrankheit in einigen seiner Jahre gehabt. Allerdings war sie nie sehr ausgeprägt und der Baum hat dennoch immer gesunde, saftige Früchte getragen. Dieses Jahr war er wieder befallen. Dieses Jahr fiel mir aber auch auf, dass er nach unzähligen Blüten im Frühjahr, vergleichsweise wenige Blätter austrieb. Ich machte mir Sorgen, aber ich wusste nicht, ob ich da auch nicht überreagiere, weil ich immer noch wütend darüber bin, dass Vattern ihn zu Hermann Hesses gestutzter Eiche machte! Und dann ging ich heute morgen raus.

Nicht nur an einigen der kahlen Äste, sondern vor allem auch zwischen einer Verzweigung der Hauptäste, ist sehr viel Gummifluss. Das hatte mein Bäumchen noch nie. Das zeigt, dass es sehr geschwächt ist. Jetzt noch etwas zu unternehmen wird schwierig. Man soll die betroffenen Äste mit scharfen Werkzeugen abschneiden. Allerdings habe ich den Gummifluss am Bäumchen eben auch zwischen den zwei Hauptstämmen. Das heißt ich müsste es komplett fällen. Mein Bäumchen wird also unter Umständen sterben und ich bin sehr wütend. Es ist vielleicht auch einfach ungesund, wie sehr mir das Bäumchen am Herzen liegt – nicht nur wegen seiner Früchte. Nicht mal hauptsächlich wegen seiner Früchte. Ich habe ihn einfach gern gewonnen, weil sein Anblick mich immer erfreute, wenn ich im Garten saß. Nun ist mir nach Weinen zu Mute.

Letztes Jahr habe ich versucht ihn über Stecklinge zu vermehren, aber ich habe so etwas noch nie gemacht und es hat nicht funktioniert. Leider habe ich Vattern davon erzählt. Das führte dazu, dass er diesen Frühling zwanzig bis dreißig Astspitzen abschnitt, die reichlich Blüten trugen. Ich habe es aufgegeben. Ich habe ihm nicht gesagt, dass gerade das nicht klappen wird. Anstatt das Internet mal für vernünftige Dinge zu nutzen, schaut er sich nur hirnverbrannte Youtube-Videos an oder klickt dubiose Werbungen an, die seinen Rechner sicher mit dutzend Viren verseucht haben. Ich klinge ein wenig wie der Elternteil und er das Kind. Das Traurige ist: Ich habe schon mit dem Gedanken gespielt eine Kindersicherung auf seinem Rechner anzubringen.

Wenn ich also Pech habe, wird mein Bäumchen sterben, ohne, dass ich es klonen kann. Nun soll man natürlich nur gesunde Triebe zur Stecklingsvermehrung nutzen. Er hat auch noch einige gesunde Triebe, von diesem Jahr, die nicht von der Kräuselkrankheit und dem Gummifluss betroffen sind. Nächste Woche, wenn das Wetter stimmt, und ein natürliches Wurzeltreibungsmittel, das ich vorhin sofort bestellte, ankommt, werde ich es trotz allem versuchen. Ich kann es nicht einfach so sterben lassen, ohne wenigstens zu versuchen ein paar Stecklinge zu sichern. Sie in gute Erde im Topf zu pflanzen und auf das Beste zu hoffen. Im Garten werde ich sie im Herbst 2018 dann als junge Bäumchen an diversen Stellen auspflanzen, um zu vermeiden, dass es an der Erde lag. Ich muss noch so vieles lesen, wie genau der Boden für Pfirsiche am Besten beschaffen sein muss und wie ich der Kräuselkrankheit künftig entgegen wirken kann, bevor sie die Bäumchen befällt.

Was werde ich aber gegen den schneidewütigen Mann unternehmen, der es dieses Mal vielleicht so sehr übertrieb, dass er den Baum dadurch schwächte und für seinen derzeitigen Zustand sorgte? Nichts. Ich kann gar nichts tun. Eines der Bäumchen werde ich im Topf behalten. Ich habe sehr, sehr große Töpfe. Darin kann ich es sicherlich einige Jahre pflegen und hegen. Würde ich nicht glauben, dass ich dem Baum große Schmerzen dabei zufüge, würde ich auch ein wenig die Art der Haltung nutzen, die an Bonsai erinnert. Aber nicht mit dem Ziel ihn klein zu halten, sondern einfach nur, um ihm auch im Topf genug Lebensraum und Nährstoffe anbieten zu können. Allerdings werden Wurzeln bei der Bonsaihaltung derart getrimmt, dass es einfach wehtun muss. Nur, weil ich eine Pflanze nicht schreien hören kann – dass sie es tun wurde in diversen wissenschaftlichen Studien bewiesen, deren Quellen ich gerade nicht zur Hand habe – heißt das nicht, dass es ihm keine Schmerzen zufügt. Aber es gedeiht doch, es blüht, es sieht hübsch aus! Ich weiß nicht, ob das als Anzeichen für eine glückliche Pflanze reicht. Wir wissen doch so gar nichts von dem, was einen Baum wirklich glücklich macht. Über die Pflege und das, was er braucht, darüber wissen wir viel. Aber was, wenn er gerne Artgenossen bei sich hat?

Na gut, das sind nun Themen, die mir regelmäßig den Ruf einbringen dumm und eine Esotante zu sein. Deshalb spreche ich es nicht mehr an. Ich schweige mich dazu aus, weil ich es satt habe und müde bin. Ich bin so müde von Menschen, die mich für etwas belächeln, nur weil sie es sich nicht vorstellen können. Dabei sind auch Pflanzen evolutionstechnisch mit uns verwandt. Sie sind unsere Brüder und Schwestern. Wir haben einen gemeinsamen Vorfahren. Sie haben sich anders entwickelt, aber je mehr ich über Pflanzen lese (ich muss mir unbedingt ein paar der Quellen zusammen suchen), desto mehr beeindruckt mich die grüne Welt. Pflanzen sind die wahren Giftmischer und sie sind zum Teil Auftragsmörder. Von der Akazienart, die den Bestand einer Antilopenart kontrolliert, will ich gar nicht erst anfangen. Irgendwo in einer GEO-Sonderausgabe über Pflanzen, las ich davon. Wenn die Antilopen dieser Akazie zu viele Blätter abzupfen, beginnt sie ein Mittel zu brauen, das im Magen der Antilopen dafür sorgt, dass sie die Blätter nicht mehr verdauen können. Boom, verhungern bei vollem Magen. Das macht die Akazie aber nur dann, wenn die Antilopen zu frech werden. Ich muss unbedingt noch nachlesen, ob das auch wirklich stimmt.

Aber nicht jetzt. Jetzt weiß ich einfach gar nichts mit meinem Sonntag anzufangen. Der Anblick des Bäumchens mit all dem Gummifluss hat mich einfach nur komplett runter gerissen. Ich hätte heute einiges vorgehabt, aber nun habe ich alles auf Morgen verschoben, obwohl ich genau weiß, dass ein Feiertag dafür nicht ausreicht. Aber es ist mir egal. Ich muss nachlesen, welche Erde ich für die Stecklinge am Besten brauche. Es ist einfach so gemein. So unbeschreiblich gemein. Ich hoffe ich kriege wenigstens einen Steckling zum Austreiben. Das Bäumchen mag nicht mehr gesund sein. Es mag sehr schwach sein. Aber wenn auch nur ein Steckling Wurzeln treibt, werde ich wenigstens den kleinen Klon gesund pflegen können. Manchmal würde ich das Bäumchen am Liebsten einfach absägen. Dann kann Vattern ihm nicht mehr weh tun. Aber vielleicht bevorzugt es ein zerschnittenes Leben dem Tod. Wer bin ich, um das für ein anderes Lebewesen zu entscheiden? Es hat die letzten Jahre so sehr gelebt, trotz des Zerschneidens. Das ist der Grund, warum ich es so lieb habe. Es hat allem getrotzt. Es hat sich von der Kräuselkrankheit, wenn es befallen war, nichts sagen lassen. Hat trotzdem gesunde(!) Früchte getragen. Hat trotzdem jedes Jahr ausgetrieben. Aber offenbar war es wie so oft im Leben. Hinter der Stärke verborgen, lauerte die Schwäche und irgendwann … geht es einfach nicht mehr.

Ich wünschte es könnte mir sagen, wie ich ihm am Besten helfen kann. Ob ich es überhaupt noch kann. Ob ich nicht viel früher etwas hätte tun sollen, aber ich wusste nicht was. Ich wusste nicht wie. Und jetzt, wo es vielleicht zu spät ist, habe ich natürlich ein schlechtes Gewissen meinem Bäumchen gegenüber. Ich hätte es irgendwie vor den stumpfen Werkzeugen des Vattern beschützen müssen. Weil dieser Mann einfach nichts vernünftig machen kann. Gar nichts. So sehr er es auch möchte, es gelingt ihm einfach nicht. Und auch dafür liebe ich Paps. Für den guten Willen, von dem er so unendlich viel in sich trägt. Auch wenn das Bäumchen stirbt und auch wenn er vielleicht, mit dem letzten Zerschnitt, dem Baum den letzten Stoß damit gab, um seine Stärke zu verlieren, selbst dann werde ich nicht ewig grollen. Nicht, weil es „nur“ ein Bäumchen ist, sondern, weil ich weiß, wie gut er es gemeint hat. Dass er dem Baum etwas wirklich gutes tun wollte. Und weil ich ganz genau weiß, wie sehr es ihn mitnehmen wird zu sehen, wie der Baum stirbt – falls er stirbt. Oder er wird behaupten es sei meine Schuld, weil ich die Wiese um den Baum herum nicht „pflege“. Dann wird es verdammt lauten Streit geben, ich werde mich zurück ziehen, er wird binnen kürzester Zeit so tun als sei nichts gewesen und letztendlich werde ich wieder nachgeben. So funktioniert Familie nun mal. Und ich liebe sie trotzdem.

Ob als Baum oder als Steckling, ich hoffe mein kleiner Freund bleibt mir erhalten. Vielleicht sollte ich einfach die Finger davon lassen. Vielleicht eigne ich mich einfach nicht dazu, mich um andere Lebewesen zu kümmern, Verantwortung für sie zu übernehmen. Aber ich möchte es wenigstens versuchen. Ich muss mir nur mehr Mühe geben.

Sonntag, 28 Mai 2017

7700 und ein Bienenstich

Ich jammerte ja neulich, vielleicht auch erst im letzten Eintrag, dass ich so wenig zum Schreiben komme. Dabei geht es mir in erster Linie natürlich nicht um das freie Schreiben wie hier, sondern um die Geschichte, die da im Hintergrund seit Ende 2014 läuft. Da brauche ich nun mal allein für ein Kapitel, um es runter zu schreiben, etwa zwei Stunden. Normalerweise lese ich dann direkt noch mal drüber, das nimmt auch noch mal eine Stunde in Anspruch. Der Text wird die kommenden Tage noch 2-3 Mal überarbeitet, was jedes Mal wieder mit etwa einer Stunde zuschlägt.

Gestern bin ich aber ein wenig ausgerastet und habe am Vormittag 5500 Worte geschrieben und Abends nochmal 2200. So etwas ist mir noch nienienie passiert. Jetzt habe ich wenigstens drei Kapitel auf Vorrat und das heißt drei Wochen sind gesichert. Das ist ein sehr schönes Gefühl, auch wenn ich noch immer nicht ganz sicher bin, was da gestern zur Hölle passiert ist. Ich finde es aber gut, damit wir uns nicht missverstehen. Ich war fröhlich und aufgedreht und gut gelaunt und sowieso!

Heute könnte ich natürlich noch ein Kapitel schreiben, aber ich weiß noch nicht. Für einen zweiten Mai-Eintrag reicht es aber auf jeden Fall. Ich werde gerade nur von meinem kleinen, linken Zeh abgelenkt. Der wird gerade durchblutet. So weit nichts ungewöhnliches. Seit fünf Minuten tut er das aber mit Hilfe von Honigbienengift. Die Tragik daran ist, dass ich auf eine Biene trat, während ich eine andere weg trug, um eben nicht auf sie zu treten! Scheiße verdammte. Da sorgt man sich um die Viecher und wie geht es aus? Man rettet die eine (oder so) und tötet die andere. Großartig! Scheiß Bienen. Wenn Vaddern unbedingt Bienen haben will, dann soll er sie bei sich im Garten aufstellen und nicht bei mir. Oder die Viecher sollen einfach wo anders halbtot am Boden herum kriechen! Kann doch nicht zu viel verlangt sein.

Jaaaa, der Stich tut nicht übermäßig weh. Der Stachel ist raus. Die Verteilung des Gifts war auch nur für ein paar Sekunden unangenehm. Jetzt schmerzt es gerade nicht mehr, der Zeh ist nicht übermäßig angeschwollen – eigentlich gar nicht, sondern nur leicht gerötet, aber dennoch! Hier geht es ums Prinzip! Wespenstiche tun mir persönlich übrigens weniger weh. Kann allerdings auch daran liegen, dass die letzten zwei Wespenstiche, an die ich mich erinnern kann, an humaneren Stellen waren als am kleinen Zeh. Die einzigen Bienenstiche – mit dem heutigen – an die ich mich erinnern kann, waren nun der kleine Zeh und vor ein paar Jahren auf dem Scheitel. Wie ich eine Biene mit meinem Kopf verärgert habe? Ich habe unweit von ihrer wilden Behausung, die ich nicht bemerkte, ein Foto vom Sand gemacht. Woohoo. Da sag noch mal einer Wespen seien aggressiver. Sie sind nur irgendwie … heimtückischer. Die eine stach mir in den Rücken, als ich Pfirsiche erntete. In den Rücken! Anstatt in die Finger, wie es jedes vernünftige Stechinsekt tun würde… und die andere ist mir wohl irgendwann unter den Rock geflogen und hat mich dann in den Oberschenkel gestochen. Aber es hat eben weniger weh getan, gerade die Verteilung des Gifts. Nun ja. Ich werde es natürlich überleben. Ich glaube jetzt ist der Zeh ein wenig angeschwollen. Schmerzen tut er aber nicht mehr, also alles gut. Regt mich dennoch auf! Ich will barfuß raushopsen können, ohne von irgendetwas gepiekst zu werden.

Der Mai ist nun also bald vorbei und dieses Jahr habe ich ihn wirklich gut herum bekommen. Ohne groß zusammen zu brechen oder loszuheulen. Das ist sehr, sehr schön. An Mamas Todestag war ich mit Backen beschäftigt und den Tag darauf hatte mein Cousin die Konfirmation, bei dessen Feier ich etwas aushalf alles vorzubereiten etc. Vor der Menschenmenge in der Kirche habe ich mich etwas gefürchtet, also kam mir dieser Kompromiss wirklich zu gute. Ich weiß ganz genau, dass Mama sich darüber gefreut hätte. Nicht nur, dass ich überhaupt da war, sondern, dass ich meiner Tante eine größere Last von den Schultern nahm. Es gab nur einen kurzen Moment, oder zwei, in denen mir die Tränen kamen, aber ich konnte ihnen ausweichen.

Und an Mamas Geburtstag ging es mir auch gut. Ich habe ihn nicht so verbracht, wie ich es gerne hätte, aber dafür war ich einfach zu kaputt. Bereuen tue ich es allerdings nicht und es geht mir einfach gut. Einfach so. Es wird sicherlich noch einige Augenblicke geben, in denen das nicht der Fall sein wird und das ist auch okay. Es ist nur schön, dass ich es wenigstens im zweiten Jahr schaffte kein Zombie zu sein, sondern auch aufrichtig zu lächeln. Wenn dafür das dritte Jahr vielleicht schwieriger wird, dann ist das okay. Dann möchte ich nämlich den Mai in Abchasien verbringen und an ihrem Geburtstag bei ihr am Grab sitzen und mit ihr die Aussicht genießen. Das ist das erste, was ich tun werde, mit dem Gehalt. Für das Ticket zurück legen. Wobei, vermutlich eher das zweite. Eine neue Waschmaschine ist ein wenig essentieller, weil das Geraffel ständig bei meinem Vater zu waschen mit der Zeit doch sehr umständlich wird. Außerdem wurde es Zeit. Nach 20 Jahren darf eine Waschmaschine ihren Dienst ruhig einstellen, damit ich mir ein Energiesparenderes Gerät zulegen kann. Ein Stromfresser weniger. Dann ist aber das Flugticket dran! Und danach will ich unbedingt einen neuen Rechner. Rupert Jr. ist mittlerweile dann doch ein Senior geworden.

Wie nenne ich eigentlich den nächsten Rechner? Ich kann mich nicht zwischen Kunibert und Kunigunde entscheiden. Das ist wirklich nicht so leicht. Oder Rupert Jr. Jr.? Naaa. Das wird ja albern. Rupert hat mir nun lange Jahre als wunderbarer PC-Name gedient. Oh Moment, ich glaube das Notebook heißt Kunibert. Das nutze ich so selten, da vergisst man das schon Mal. Nächsten Mai werden dessen Tasten dann wieder in Abchasien glühen. Ich freufreufreu mich! Ein ganzer Monat Zuhause. Und es wird bestimmt unangenehm heiß. Hauptsache ich hab dort einen Ventilator, dann klappt auch der Rest. Und im Haselhain herumlungern und liegen und schreiben und das leben genießen! Und Dukiduke wiedersehen! Ich kann gar nicht fassen, wie viel Glück ich nach so langer Zeit habe. Dieser Job, diese Chefs, die Kollegin, die bleiben wird… einfach großartig!

Vor vier Jahren begann also das letzte Aufbäumen. Der letzte Kampf darum, dass aus mir noch etwas wird. Entgegen aller Prognosen. Ich sollte auch dem einen Kerl, der meinte er würde ja allen so sehr helfen und hinter meinem Rücken dann meiner Fallmanagerin ins Gesicht sagte, dass ich eine Umschulung nicht packen würde … Alter, der könnte einen aufregen. Selbst meine Fallmanagerin meinte, dass ich ihm das unter die Nase reiben soll – sie hat mir aber erst nach der Umschulung gesagt, wie er über mich redete. Er hätte mir also beinahe überhaupt die Chance auf eine Umschulung verbaut. Wenn er das geschafft hätte und ich das jemals herausgefunden hätte, DANN wäre ich sauer gewesen. Aber so sitze ich hier und lächle höchst zufrieden vor mich hin. Der Herr, der Selbstständig ist, aber keinen Bock hat seine Krankenversicherung zu zahlen und deshalb nebenher für namhafte Hilfedinger arbeitet, damit er über die krankenversichert ist, muss sich weiter den Arsch aufreißen und ich? Ich bin einfach glücklich.

Dieser Mensch war ohnehin der Knaller. Er hat zu mir gesagt ich müsste mit Perl programmieren. Immer hat er auf Perl rumgeritten. Ich glaube er kannte einfach keine andere Sprache, als Perl. Und dann, als ich sagte ich müsste mal meine Festplatte formatieren, weil wird Zeit, sei dazu aber zu faul, meinte er stundenlang auf mich einreden zu müssen, dass ich sie doch einfach spiegeln sollte. Ich habe nur zu Beginn des Gesprächs versucht ihm klar zu machen, wie unsinnig es wäre etwas, dass man formatieren muss, einfach nur zu spiegeln. Er war sich aber sicher, dass ich einfach keine Ahnung davon habe, wovon ich rede bzw. was ich machen will muss wie auch immer! Ich habe den Rechner dann übrigens formatiert, nachdem ich mich mit einem Diplominformatiker darüber lustig machte, dass es laut Chef besser wäre sie zu spiegeln. Und Perl habe ich bis heute nicht gebraucht. Sollte der Fall mal eintreten, werde ich sicherlich an diesen einen, besonderen Menschen denken.

Hat er mich auch noch mit Geschichten aus seiner Jugend beeindrucken wollen, weil er ja so ein Rebell war. Und damit, dass er einfach losschreiben und eine Geschichte schreiben könnte, als ich sagte, dass das ein Talent von mir sei. Da habe ich es mir aber nicht nehmen lassen zu sagen, dass meine besser wäre. Er erwiderte, dass ich das gar nicht wissen könnte. Meine Herausforderung es einfach auszutesten nahm er nicht an. Wenigstens ein kleiner Sieg. In seinem Fall erachte ich es auch wirklich als Sieg, weil irgendetwas an ihm einfach suspekt war. Er hat auf Teufel komm raus versucht geheim zu halten, womit er selbstständig ist. Und die Hilfe, die er mir anbot, war nur dazu da, um im Nachhinein sagen zu können, er hätte mir geholfen. Also eine total uneigennützige, ehrliche Seele. So, wie mir Menschen am Liebsten sind. Und es amüsiert mich einfach, dass ich auch so einen Menschen überlebt habe. Er hat mir damals einen sehr wichtigen Ratschlag gegeben: Ich müsste mit dem System spielen. Also habe ich mit dem System gespielt. Zu jenem Zeitpunkt war er das System und nur er alleine. Ich habe ihn sehr schnell absolut nicht mehr ernst genommen, aber ich musste nun mal ein Dreivierteiljahr mit ihm klar kommen. Also habe ich es gemacht. Für die Umschulung, die ich dann auch bekam, durchzog und beendete. Vielleicht frage ich die neuen Chefs nach Firmenpapier und schreibe darauf einen Dankesbrief an diesen einen Menschen, der mich bis heute zum Schmunzeln und Lächeln bringt. Ich muss ja nicht dazu schreiben, dass es ein arrogantes und herablassendes Lächeln ist.

Mittwoch, 24 Mai 2017

Wo ist denn der Mai hin?!

 

Vier Arbeitswochen sind dahin gezogen und mitbekommen habe ich … nichts. Na ja, so stimmt das natürlich nicht. Ich bemerkte, wie die Zeit vergeht, aber ich bemerkte auch, dass sie regelrecht verfliegt. Unter der Woche komme ich nicht mehr zum Schreiben und an den Wochenenden war mal Trubel, mal Geburtstag, mal Ausruhen angesagt. Ich hoffe das ändert sich durch die Routine. Ich bin es nämlich einfach nicht gewöhnt erst gegen 18 Uhr daheim zu sein. Hund, kochen, essen, runterkommen und schon ist wieder Schlafenszeit. Das hat mich in der ersten Woche frustriert. In der zweiten ging es eigentlich. In der dritten habe ich mich damit abgefunden und in der vierten denke ich mir, dass wirklich einfach nur die Routine fehlt. Ich muss von diesem Denken runter kommen, dass es scheiße ist so spät daheim zu sein. Wenn ich mein Zeitmanagement optimiere, werde ich auch unter der Woche wieder Gelegenheiten zum Schreiben haben. Und so wird Fräulein Grün nicht nur glücklich, sondern überglücklich!

Am 02. Mai ging es also los mit dem sechswöchigen Praktikum. Am 09. Juni wird es vorbei sein und nächsten Dienstag steht ein kleines Gespräch mit den Chefs an. Ich soll mir schon mal Gedanken zu meinen Gehaltsvorstellungen machen. DAS nenne ich mal ein gutes Zeichen. Wenn ich eines bräuchte, außer dem Daumen-hoch, das mir Chef J gab. Ich habe zwei Chefs und die nenne ich einfach Chef B und Chef J. Oder Bee und Jay. Sehr, sehr, sehr coole Menschen! Also im Sinne von … menschlich. Ich habe so viel gelernt in den letzten vier Wochen. Und erfahren. Ich bin einfach glücklich. Selbst wenn die Tage mal auf der Arbeit kurzzeitig schleppend waren, war es völlig in Ordnung. Ich erschrecke mich jedes Mal, wenn das Telephon klingelt und werde höllisch nervös, wenn jemand externes dran ist, um mit Bee oder Jay verbunden zu werden, aber die Routine stellt sich langsam ein. Heute habe ich freundlich einen Verkäufer für Kaffeeautomaten abgewimmelt. Im Grunde habe ich nun alles abgedeckt. Ich hatte Kunden zum Weitervermitteln, hatte Chefs dran und Verkäufer. Das war so in etwa alles, was mir „angedroht“ wurde. Und es ruft ohnehin nicht ständig jemand an. Die Zeit, in der ich nun rangehe, waren es – an „busy“ Tagen zwei Externe Anrufer.

Jay und auch Bee erkundigen sich beide jedes Mal, wenn sie einen sehen oder am Telephon mit einem sprechen darüber, wie es einem geht. Mich fragen sie zusätzlich auch jedes Mal, ob die Arbeit Spaß macht. Jay sagte mehrfach, dass der Spaß das wichtigste ist. Und als ich mal ein Stündchen länger blieb, um Zeit nachzuholen (die ich mir schon in der ersten Woche problemlos freinehmen durfte, wegen eines Termins), sagte Jay sogar, dass sie aufpassen müssten, dass ich nicht mehr als 10 Stunden am Stück arbeite. Ich bin fast aus allen Wolken gefallen. Chefs die auf das Arbeitszeitengesetz achten?! Freiwillig? WO GIBT ES DENN SOWAS!? Das ist einfach so abgefahren. Ich freue mich sehr darauf für diese Firma zu arbeiten und ich hoffe, dass aus dem Jahresvertrag dann ein längerer wird. Ich denke das wird klappen. Der Jahresvertrag ist ja erstmal wegen dem Arbeitsamt, weil die einen Eingliederungszuschuss zahlen würden, um mich endlich loszuwerden. Wir arbeiten aber auch seit vier Jahren sehr aktiv, mit meiner Fallmanagerin, daran, mich aus der Langzeitarbeitslosigkeit und meiner persönlichen Dunkelheit herauszuholen.

Je länger ich in meinem Traumbetrieb arbeite, desto mehr stelle ich aber fest, dass mein Ausbildungsbetrieb vielleicht nicht das gelbeste vom Ei war. Die Kollegen und Chefs waren alle wirklich gut und ich fühlte mich wohl dort. Ich war sehr, sehr traurig, als ich nicht übernommen werden konnte. Das Aber? Simpel: Man hat zu schnell zu viel von mir erwartet. Vielleicht lag es auch an mir, ich weiß es nicht. Damals habe ich erst seit drei Monaten Java gekonnt und nach einem halben Jahr im Praktikum, sagte man immer wieder, dass ich zu viele Fragen stelle und das alles schon selbst können müsste. Dass ich mir eben schwer tue. Nun bin ich aus der Ausbildung raus und mein Traumbetrieb nimmt das mit dem Einlernen wirklich ernst. Denen kann ich gar nicht genug Fragen stellen. Das erste Ticket, das ich abgearbeitet habe und dabei gar keine Hilfe in Anspruch nahm, fing am Freitag an und war gestern fertig. Weil ich eben verbissen alles selbst schaffen wollte, ohne wieder meine Kollegin um Hilfe zu bitten, war ich ihr vielleicht ein bisschen zu schweigsam. Sie fragte gestern im Laufe des Tages nach, ob bei mir alles so weit läuft. Wenn ich also keine Fragen stelle, wird sich nach mir erkundigt. Scheiß die Wand an, ich bin so begeistert!

Der Wehmutstropfen ist eigentlich, was ich seit meinem Vorstellungsgespräch weiß: Der zweite Kollege hört am 08.06. auf. Also für ihn ist das sicherlich kein Wehmutstropfen, er hat immerhin gekündigt. Ich finde es nur schade, weil ich die Dynamik im Büro mag. Mal schauen, wer ihn ersetzen wird. Wobei das zum Teil mein Job ist. Ich kümmere mich nun um Telephon, Tür und Post und die Kollegin übernimmt die Server und so ein Zeug, wofür ich einfach nicht genug Erfahrung und Können habe. Ach, es wird auch so gut. Es wird vielleicht ein bisschen ruhiger und unwuseliger, obwohl ich nicht weiß, ob er wuselig ist, weil er nicht mehr viele Aufgaben hat oder weil er schon immer so war. So oder so, ich will damit nicht sagen, dass die Kollegin doof ist. Gar nicht. Wir lachen, wir scherzen, wir verstehen uns. Sie ist überhaupt nicht anstrengend, sondern total ruhig und angenehm. Ich mag das.

Meine Laune hat sich auch zusätzlich gehoben, nachdem ich mich über die Entfernungspauschale informiert habe. 0,30 Cent den einfachen Kilometer ist jetzt nicht die Welt, aber das Arbeitsamt zahlt mir 0,20 Cent pro jeden Kilometer aus und das kommt für die aktuellen Benzinpreise ganz gut hin. Es ist also das 1,5 fache, oder? Ah, es läuft. Dann suche ich mir eben ein Auto, das ein bisschen weniger frisst und nicht so oft zum Arzt muss, dann klappt es auch mit den anderen Unterhaltungskosten, ohne zu sehr die Tasche auszuhöhlen. Ich finde mich langsam sogar mit den Idioten auf der Autobahn ab. Ich fing einfach an sie nicht als Arschlöcher, äh, ich meine Menschen in Autos zu sehen, sondern die Autos als Lebewesen. Und ich stellte fest: Autos sind absolute Herdentiere, zumindest auf dieser Strecke. In den Süden runter fuhr ich ein Jahr lang (hin und zurück) 120 km, nun sind es 100, aber in südlicher Richtung beobachtete ich nie dieses Herdenverhalten.

Was ich damit meine? Einfach. Entweder sind um einen herum überall Autos mit einem maximalen Abstand von drei Metern oder die Autobahn ist leer. Meist sieht man im Rückspiegel am Firmament aber auch schon die nächste Herde, wie sie sich annähert und man wieder abbremsen muss, weil man mit 100 km/h auf dem linken Streifen viel schneller ans Ziel kommt, so in der Herde. Und ich darf ja nicht rechts überholen. Das ist manchmal wirklich frustrierend, wenn ich dann wegen diesen Arschlöchern, äh, Herden, meine gemütliche, kontinuierliche Geschwindigkeit drosseln muss. Aber was will man tun? Nervös macht mich allerdings, dass sie alle so aneinander kleben. Die maximalen drei Meter Abstand waren kein Witz. Solange sie weit vor oder hinter mir sind, kann mir das gleichgültig sein. Aber wenn sie mich in ihrer Mitte einschließen, dann kriege ich einen Anflug von Klaustrophobie. Vorgestern fuhr eine Herde von sechs oder sieben weißen Autos an mir vorbei. Das war auch amüsant. Wobei sich in ihre Mitte ein silbriges eingeschlichen hatte. Den Weißen scheint das nicht aufgefallen zu sein, sie haben ihn nicht ausgeschlossen. So sehen aktuell also meine Fahrzeiten aus. Ich stelle Feldstudien über das Herdenverhalten von Personenkraftwagen auf der A81 Herrenberg Richtung Singen an.

Und nun schreibe ich endlich, weil ich morgen ein neues Kapitel schreiben muss und das nicht heute machen wollte, aber irgendetwas musste ich heute schreiben, weil ich das Schreiben vermisse! SEHR vermisse! Da fiel mir siedend heiß der Blog ein, den ich mal wieder so schamlos vernachlässigt habe. Ob ich alle vier Einträge des Mais aufholen kann? Das bleibt zu bezweifeln. Aber wenigstens ein kleines Lebenszeichen! Es geht mir gut. Ich bin glücklich. Vielleicht zwinge ich mich doch noch dazu die anderen Dinge aufzuschreiben, die im Mai passiert sind. Die Gedanken, die ich hatte. Gerade bin ich ein wenig zu zerknirscht. Aber morgen ist auch noch ein Abend. An dem ich schon verplant bin. Meh. Mir wird schon was einfallen! Vielleicht. Falls die Faulheit nicht siegt. Wir werden sehen!

Scheiße, bin ich gerade gut gelaunt und fröhlich!

Dienstag, 25 April 2017

Dun Dun Duuuun!

Anfang April oder so hatte ich ein Vorstellungsgespräch, wie, glaube ich, schon erwähnt. An dem Tag, in der zweiten Woche danach, als ich mir überlegte, wann es okay ist nachzufragen, ohne auf die Nerven zu gehen, wie es denn nun aussieht, rief mich keine zehn Minuten später der Chef an. Sie konnten meine Programmierfertigkeiten nicht einschätzen und fragten, ob ich bereit wäre, einen Tag lang vorbei zu kommen, um an einer kleinen Spielaufgabe zu arbeiten. Natürlich war ich dazu bereit. Dieser Tag war gestern.

Den Vormittag über war ich überzeugt davon, dass es mehr als schlecht aussieht. Ich dachte es ginge um eine reine Java-Spielübung, aber dem war nicht so. Stattdessen gab es noch ein Framework, das ich nicht kannte und ein wenig HTML und JavaScript, auch Dinge, von denen ich kaum mehr eine Ahnung habe bzw. noch nie mit gearbeitet habe. Ich musste also immer wieder die Kollegin, für die ich als Unterstützung gedacht bin, um Hilfe bitten bzw. um eine Erklärung. Und ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil die Tür ins Schloss fällt, wenn man rauchen geht und ohne Schlüssel heißt das wieder anzuklopfen und sich die Tür öffnen zu lassen. Sonja, die Kollegin, fand das aber überhaupt nicht weiter wild und scherzte, dass sie so wenigstens mal etwas Bewegung hat und vom Rechner weg kommt.

Nach und nach habe ich also die Aufgaben gelöst und ich dachte, dass ich zu viel Hilfe dabei beanspruche. Sonja zeigte aber einiges an Verständnis. Als dann Feierabend war, rief sie den Chef an und sprach mit ihm, ehe er dann auch mit mir plauderte. Er sagte sie hätte sich sehr positiv über mich geäußert und sagte wir würden heute dann nochmal gemütlich darüber reden, weil er sich zu erst auch den Code ansehen wollte, den ich programmierte.

Heute dann, rief er an und bot mir ein halbjähriges Praktikum an, damit ich eben erst rein komme in das ganze Zeug und danach einen Arbeitsvertrag ohne Probezeit – so, dass das halbe Jahr eben als Probezeit verrechnet würde. Nun ist das natürlich so, dass das Arbeitsamt bei derart langen Praktika nicht mitmacht. Obwohl es eine durchaus nette Vergütung gegeben hätte, mit der ich wirklich nicht gerechnet habe, reicht es natürlich nicht aus, wenn man bedenkt, dass ich mich für die Zeit freiwillig versichern müsste und so weiter. Also gab es ein wenig hin und her und beschlossen wurde nun folgendes: Ab nächste Woche arbeite ich für sechs Wochen zur Probe und wenn ich mich gut anstelle, dann gibt’s danach einen vorerst befristeten Vertrag. Das Arbeitsamt übernimmt nämlich einen Teil meines Lohns und da sind ja wieder irgendwelche Regeln mit im Spiel. Zum Beispiel, dass das Amt, sagen wir, für sechs Monate meinen halben Lohn übernimmt, dafür die Firma mich aber nach Ablauf des halben Jahres für ein weiteres halbes Jahr beschäftigen muss. Sollten sie mich während dieser Zeit feuern, müssten sie die kompletten Zuschüsse zurück zahlen. Also werde ich wohl vorerst einen Jahresvertrag kriegen. Und ich freue mich wie Sau. Das Probearbeiten war mein Idee, um den Chefs zu zeigen, dass ich das unbedingt will und damit auch sie nochmal kucken können, ob ich schnell genug lerne. Sonst müssten sie ja vielleicht diesen Deal mit dem Amt eingehen und es würde total nach Hinten losgehen, wenn ich eine faule Sau bin oder eine beschissene Arbeitsmoral habe.

Contra: Ich muss auch kleinere Büroarbeiten wie Telefon übernehmen. Ich kann es wirklich nicht ausstehen zu telefonieren. Da es aber nicht den Hauptteil der Arbeit ausmachen würde, ist es völlig in Ordnung und ich werde mich daran gewöhnen. Es ist immerhin ein wirklich kleiner Betrieb. Wir sind gerade mal zu viert und dann eben die zwei Chefs und der eine, der vermutlich nur eine Art stiller Teilhaber oder so ist. Sein Name wurde in meiner Gegenwart noch nicht erwähnt, aber im Namen der Firma isser drin. Ich werde es schon im Laufe der nächsten Jahre herausfinden, weil ich absolut will und es muss einfach klappen!

Anzeichen dafür, dass es klappen wird: Ich war beim Vorstellungsgespräch nicht so nervös, wie sonst. Am Sonntag war ich nicht nervös wegen des gestrigen Tages und auch als es gestern nicht so recht wollte, zu Beginn, war ich nicht so drauf wie sonst in so einer Situation. Ich fühl mich in dem Umfeld einfach wohl. Und inoffiziell zähle ich seit dem Vorstellungsgespräch mit, wer sich öfter bei wem bedankt hat – ich mich beim Chef oder er sich bei mir. Ich hatte noch nie einen derartigen ersten Eindruck von einem Chef, dass ich einfach lächeln wollte. Ein sehr netter, freundlicher Mensch, der nicht abgebrüht in dieser ganzen Berufswelt ist, sondern einfach … menschlich. Total, durch und durch menschlich. Das ist auch bei so einem kleinen Betrieb keine Selbstverständlichkeit. Der letzte, bei dem ich mich beworben hatte, der ebenfalls so einen kleinen Betrieb hatte, hat auf mich im Nachhinein eher den Eindruck eines beleidigten Kindes gemacht.

Alles in Allem heißt das, dass ich wohl nicht im Herbst nach Abchasien fliegen kann. Dafür werde ich aber nächsten Mai hinfliegen und an Mamas Geburtstag – und auch am Todestag – bei ihr am Grab sitzen können. Am 06. Mai sind es zwei Jahre. Ich weiß noch nicht, ob ich es hinkriege, weil ich jetzt schon recht dünnhäutig bin, aber ich will dass es besser wird als letztes Jahr. Ich will dieses Ding machen, wo sie das Leben feiern und nicht den Tod betrauern. Heute hatte ich das breiteste Lächeln im Gesicht als ich vom Día de los Muertos las. Was für eine wirklich schöne, zauberhafte Idee. Habe mich mit dem Brauch zuvor nie großartig befasst, obwohl ich wusste, wofür in Etwa der „Tag der Toten“ stand. Aber die Ideen dahinter, das etwas tiefer gehende, kannte ich nicht. Und jetzt bin ich glücklich und ich weiß, dass meine Mutter die Person gewesen, wäre die sich über die aktuelle berufliche Entwicklung am Meisten gefreut hätte. Also ja, ich mache es auch für sie. Gestern gab ich einfach nicht auf und es war, auch unbewusst, für sie.

Ich hatte nur ein bisschen Angst, vorhin, dass der Chef vielleicht abspringen würde, wenn die ihm das mit der Kündigungssperre mitgeteilt hätten. Aber dann dachte ich, dass er das bestimmt nicht abschreckend findet, weil er wirklich nicht wie so ein typischer Chef wirkt. Und ich hatte recht. Er rief mich an und sagte sie seien auf eine Lösung gekommen – die letztendlich mein Vorschlag war. Nur halt mit zwei Wochen mehr Probearbeit, aber was sind schon zwei Wochen? Zwei Wochen mehr, in denen ich dazu lernen und zeigen kann, dass ich die Cents wert bin. Sonja sagte sie würde sich freuen mich wieder zu sehen und der Chef sagte Potential ist auf jeden Fall da. Was mich heute zum Grinsen brachte war, dass er sagte, ihm und Sonja hätte vor allem gefallen, dass ich mich an sie gewandt hätte. Also, dass ich herum probierte und werkelte und wenn ich nicht weiter wusste, um Hilfe bat. Also genau das, was mir Sorgen gemacht hat, kam hier nun gut an. Vielleicht, weil sie schlechte Erfahrungen machten, dass jemand etwas nicht schafft und dann auch nicht fragt, sondern einfach bei dem Problem zu lange hängen bleibt oder so. Ach, wie schön das doch alles nun gelaufen ist. In sechs Wochen schreibe ich dann den Eintrag, in dem ich von meinem Arbeitsvertrag erzähle und wehe wenn nicht! So sehr kann man sich nicht in Menschen täuschen. Sagte sie, obwohl sie sich vorstellen konnte, dass es durchaus möglich war. Aber nicht dieses Mal! Nicht dieses mal.

Ich freue mich und bin fröhlich und glücklich und dann wird mir klar, dass es schon nächste Woche losgeht und ich in sechs Wochen das Amt los bin und danach für immer! Ich muss noch herausfinden, ob ich meiner Fallmanagerin Weihnachtskarten ans Jobcenter schicken kann. Die Frau wird nämlich definitiv welche von mir kriegen! Das erste Mal, dass jemand wirklich für mich kämpfte und auf mich einging und was hat es dem Arbeitsamt gebracht? Sie werden mich endlich los. Und das mit einem Beruf, der Zukunftsperspektive hat. Gott und es ist Java! Und auch das JavaScript und HTML und Datenbankzeug kommt mir ja nur zu Gute, weil ich das alles dann für Privatprojekte nutzen kann! Also das Wissen. Jetzt muss nur noch der Designer in mir zum Leben erwachen. Husthust.

Es wird alles gut. Wenn du das mal in einem düsteren Moment wieder liest, Zukunftsblume, dann merk Dir eins: Am Ende wird alles gut. Wenn es nicht gut wird, dann ist es nicht das Ende. Und heute endete meine lange, düstere Zeit mit dem Kampf des Berufslebens. Ich will nicht unbedingt, dass es von nun Bergauf geht, weil das echt anstrengend ist, je nach Gebirge, aber die Aussicht genieße ich jetzt schon. Und ich kann dann immer für vier Wochen nach Abchasien! Ich freue mich so sehr! Wenn ich das mit Feiertagen gut lege, werden es sogar mehr. Muahahah! Langsam erreiche ich, was ich wollte. Und das in diesem Betrieb zu erreichen, ist ein Traum.

Montag, 17 April 2017

Fressorgien

Ich habe den Tag gestern mit einem Rollenspiel ausklingen lassen, anstatt etwas aus der Realität zu schreiben. Ostern ist natürlich Familienessen angesagt. Das heißt, dass wir uns bei meiner Tante versammeln – alle Geschwister meines Vaters, die in der Nähe wohnen, das sind vier von fünf. Ich vermisste meine Mutter am Tisch, die laut lacht und Geschichten so erzählt, dass man ihnen kaum folgen kann. Die ganze Woche war für mich allerdings etwas Familienlastiger als gewohnt. Nächsten Monat hat mein Cousin seine Konfirmation. Zu diesem Anlass kommt auch das fünfte Geschwister mit seiner Familie. Meine Tante – bei der wir meistens feiern und die die Zwillingsschwester des weit entfernten Onkels ist – möchte die Gelegenheit nutzen und alte Photographien der Familie und Zeichnungen meines Großvaters allen zugänglich machen, die sonst nur bei ihr aufbewahrt werden. Also habe ich zwei Nachmittage bei ihr verbracht und alles abfotografiert, um es dann auf fünf CDs zu brennen. Ich bekam nicht mit, dass der zweite der Nachmittage der Geburtstag meines Cousins war. Vaddern war zufällig auch dabei und so wurde der Nachmittag zum Abend und zum kleinen Festessen und dem Saxophonspiel Richards. Das ist der Name meines Cousins.

Ich liebe meine Familie. Dennoch strengt es mich an, wenn ich so viel unterwegs bin. Ich will irgendwie unentwegt meine Ruhe. In zwei Wochen ist aber die Konfirmation. Also die nächste Fressorgie im Rahmen der Familie. Irene, Richards Mutter und meine Patentante, sagte, dass sie etwa 35 Menschen zur Feier erwarten. Das Dilemma? Die Konfirmation ist einen Tag nach dem Todestag meiner Mutter. Eine Zeit, in der ich so gar nicht unter Menschen sein will, weil jedes Lachen und Lächeln meinerseits so viel Kraft kostet. Aber wer wäre die erste Person, die mir in den Arsch treten würde, wenn ich die Feierlichkeit auslasse? Jep, meine Mutter. Also habe ich mir einen Kompromiss zu Recht gelegt: Ich werde nicht mit in die Kirche gehen. Da werden nämlich viele Menschen sein, die auch noch Fremde sind. Richtig meh. Aber weil das die Familie hätte enttäuschen können, dachte ich mir, kann ich mich ja vielleicht nützlich machen. Ich bot Irene also an, schon Mal bei der Feier danach mitzuhelfen. Falls Hilfe nötig wäre und Irene war darüber mehr als nur erleichtert, weil ich damit ihr einiges von den Schultern nahm. Also sind alle zufrieden.

Ich werde den 06. Mai also mit Backen zubringen. Eigentlich war zu Beginn nur ein Salat und ein Kuchen geplant, die ich mitbringe. Gestern buk ich aber, so als Überraschungs-Ding, einen Kuchen für die Osterfeier und der kam so gut an, dass ich kurzerhand anbot zwei Kuchen bereit zu stellen. Noch ehe ich die Frage, ob ich den Kuchen ebenfalls backen soll, gestellt hatte, hat meine Cousine neben mir schon begeistert: „JA!“ gerufen. Hach, ich liebe es zu backen. Wobei ich mich vor dem Brötchen backen seit zwei Wochen drücke. Dabei ist das gar nicht so viel Arbeit und sie sind lecker, aber ich brauche gerade halt einfach keine Brötchen. Jaaa, ich friere sie sowieso ein, aber meh! Ein wenig doof ist vielleicht, dass beide Kuchen mit meiner Lieblings-Kombination zu tun haben: Schoko-Kirsch. Der eine ist ein Streuselkuchen mit Schokopudding-Kisch-Füllung und der von gestern ist ein Rührkuchen mit Kakao und Kirschen und gemahlenen Walnüssen. Der zweite ist so herrlich einfach. Man rührt ein paar Sachen in zehn Minuten zusammen, schmeißt Kirschen drauf, schiebt es für 45 Minuten in den Ofen und fertig. Der andere erfordert etwas mehr Arbeit mit Teig kneten, kühlen lassen, Füllung vorbereiten, Teig ausrollen, zurecht schneiden, Streusel machen und Schalgmichtot. Aber er lohnt sich.

Ich beginne hier schon den vierten Absatz mit „Ich“. Aber ist ja auch mein Blog und ich schreibe darin von und über mich, also lass mich! Ein Teil von mir freut sich richtig darauf, die Sachen für die Konfirmationsfeier vorzubereiten. Die Feier an sich wird sicher etwas anstrengend, aber Mama wird mit Sicherheit auf mich hinab lächeln und das zaubert auch mir ein Lächeln auf die Lippen. Ein ehrliches, das keine Kraft kostet.

Heute gibt es nicht so viel zu lesen. Es ist nämlich kalt. Ich muss also Feuer machen und ich muss noch Ira – die Tante aus Abchasien – anrufen, weil ich dafür gestern keine Zeit mehr hatte. Doofe Zeitzonen und so! Außerdem muss ich noch Zeug erledigen und Abends ist ein Freund dran, dem ich schon zu oft absagen musste, weil das Timing scheiße war. Dabei mag ich ihn wirklich gerne und das schlechte Gewissen wächst und wächst, wenn ich mir nicht endlich Zeit für ihn nehmen kann. Und dann ist da ja noch der Blog. Und die Fanfiction. Und das Rollenspiel. Und aufräumen sollte ich auch noch. Dabei will ich eigentlich nur meine Ruhe. In meiner Dimensionsblase dahin vegetieren und nichts tun. Das ist immerhin auch etwas, das mich glücklich macht. Weil ich dann Zeug entdecke, anstatt selbst auferlegten Verpflichtungen nach zu kommen. Nimm es mir nicht übel Welt, aber gerade habe ich keine Lust auf Dich. Ich wäre jetzt so gerne alleine. Irgendwo, weit weg, ohne Menschen. Einfach barfuß durch den Wald tollend. Aber das Leben ist kein Ponyschlecken. Also Eintrag hochladen und Feuer machen und Ira anrufen und so weiter.

Sonntag, 9 April 2017

MultikiMultikiMultiki

Es gibt Situationen im Leben, da kommen einem die seltsamsten Gedanken oder Erinnerungen. Natürlich vor dem Einschlafen. Um mich von all den Gedanken abzulenken, habe ich recht automatisch begonnen mich in Tagträumen zu verlieren. Ich stellte fest, dass es mir mit meinen Einschlafstörungen hilft, wenn ich in meinem Tagtraum schlafe. Ganz seltsam. Ich tue dann so als würde ich schlafen, während ich mir weitere Szenarien ausmale, die gleich folgen, wenn ich aufwache oder geweckt werde und ehe es im Tagtraum dazu kommt, bin ich tatsächlich weg gepennt. Schlaftherapie, woohoo! Eine andere Situation, in der ich regelmäßig an kleinste Kleinigkeiten denke, ist beim Abspülen. Ich liebe es abzuspülen. Abtrocknen kann ich hingegen nicht ausstehen. Meist lasse ich das Geschirr an der Luft trocknen. Nur, wenn der Platz benötigt wird, wird schweren Herzens abgetrocknet.

Neulich also, beim Abspülen, musste ich an meine Kindheit denken. Ich bin mir nicht sicher, ob es damals ein festes Fernsehprogramm gab. Programmzeitschriften gab es zumindest keine. Das heißt, dass man nie wusste, wann Zeichentrickfilme kommen und das war das einzige, das klein Grün interessierte. Wenn es also mal Glück hatte, dann saß klein Grün vor dem Fernseher und während es die „Multiki“ ansah, betete es die ganze Zeit vor sich hin: „MultikiMultikiMultiki“ in Dauerschleife. Das ist die Abkürzung für „Multfilm“ und das heißt „Zeichentrickfilm“. Ich war der absolut festen Überzeugung, dass es hilft. Mein kleines Mantra versagte natürlich nach einer Weile. Irgendwann fand klein Grün auch heraus, dass offenbar eine Schleife von den immer gleichen Tom&Jerry Zeichentrickfilmen oder Nu Pagadi gezeigt wurde. Zweiteres liebe ich bis heute. Das kennen sogar manche Deutsche, weil es, glaube ich, auch in der DDR lief. Es heißt so viel wie „Na Warte!“ und das sind so ziemlich die einzigen Worte, außer „Oi“ - ein Ruf, der Ähnlich wie „Huch“ genutzt wird -, die der Antagonist in diesem Zeichentrick nutzte. Ein Wolf, der einen Hasen jagt. Also Tom&Jerry mit anderen Tieren und auch anders gezeichnet und einfach Nostalgie! Es gibt zwanzig Folgen und ich habe sie alle auf Percy ruhen und sehe sie mir gerne hin und wieder an.

Heute, im Zeitalter der Technologie, muss ich mein kleines Mantra nicht mehr aufsagen, wenn ich noch eine Folge und noch eine Folge sehen will. Als Kind war das anders. Ein Mal fragte meine Tante, die damals bei uns wohnte, was ich die ganze Zeit vor mich hin murmle. Sie lacht bis heute gerne darüber. Und ich auch. Die Vorspannmelodie läuft gerade in meinem Kopf ab. La la la la la la la la lalala. Hach. Die unschuldigen Jahre, die alles andere als unschuldig waren. Was habe ich nicht für einen Mist angestellt. Das in einer Dreizimmerwohnung. Ich hatte ein Spieltelefon. Ein Apparat stand in meinem Zimmer und über zwei Drähte war es mit einem weiteren im Wohnzimmer verbunden. Man konnte also wirklich darüber reden. Ich weiß nicht mehr, ob es eine Art Dosentelefon war oder wie genau es funktionierte. Ich erinnere mich nur noch an diese zwei Drähte, die über meinem Bett an der Wand angebracht waren. Dem Bett, das an einem schicksalshaften Tag ein Segelschiff war und es stürmte wie Verrückt. Ich wurde hin und her geschaukelt und musste Maßnahmen ergreifen, um das Schiff zu retten! Es gab nur eine Möglichkeit: Ich musste die Drähte durchschneiden, dann würde sich der Sturm legen! Feierlich, mit meiner Kinderschere, schritt ich zur Tat. Mein Vater konnte im Nachhinein so gar nicht nachvollziehen, warum ich behauptete, dass es nötig war die Drähte durchzuschneiden. Tz. Ein Kapitän braucht sich nicht zu rechtfertigen!

Oder das andere Mal, als Vaddern schlief. Wir hatten recht viele Tiere im Laufe der Zeit. In einer Dreizimmerwohnung. Es gab eine Katze, an die ich mich nicht mehr wirklich erinnere – ich weiß nur, dass sie dreifarbig war und in der Küche die Tapeten von der Wand schälte. Deshalb wurde sie weg gegeben. Kratzbäume gab es nicht. Wir hatten ja nichts! Außer alles, was das Herz begehrte. Zumindest das menschliche Herz. Danach folgten zwei Hunde. Belka und Strelka – das heißt so viel wie „Weißchen“ und „Pfeilchen“. Benannt nach den zwei Hunden, die mit ein paar anderen Tieren, die ersten waren, die einen Erdlaufbahnflug überlebten. Laika (heißt so viel wie „Kläffer“, aber eben vom Wort „Bellen“ abgeleitet und nicht abwertend genutzt) hat es damals ja leider nicht geschafft. Mein Vater hat sie benannt. Ich weiß noch, wie er mir von der Bedeutung der Namen erzählte. Ich glaube er war sehr fasziniert davon, dass es mit den beiden geklappt hatte. Ich glaube es heißt auch, dass die beiden Hunde den Anstoß für die bemannte Raumfahrt gaben. Sie waren also die vierbeinigen Helden der Russen. Ich will gar nicht wissen, welche Ängste all die Tiere durchstehen mussten und einige von ihnen auch mit dem Leben bezahlten, bei all den Raumfahrt-Experimenten. Aber Laika, Belka und Strelka sind bis heute sehr bekannte Helden der russischen Raumfahrt. Zumindest für die Russen und recht viele Hunde hießen zumindest früher so. Ich weiß nicht, ob es immer noch so ist.

Dann hatten wir noch Wellensittiche, aber immer einen nach dem anderen. Und zwei Frösche in einem sehr großen Einmachglas. Fische hatten wir auch. Eine Schildkröte zur Pflege. Und, nach einem Gang über den Markt, auch zwei Kaninchen. Ich sah sie, ich verliebte mich und als der Verkäufer bemerkte, dass meine Mutter dabei war meinem Gebettel nachzugeben und einzuknicken, sagte er ganz schnell: „Die muss man aber zu zweit halten!“ So gingen wir mit zwei Kaninchen nach Hause. Sie versteckten sich in der Küche unter Vadderns Sessel. In dem saß er immer, wenn er rauchte. Als er das an diesem Tag tat, erschrak er allerdings. Es schossen zwei Kaninchen drunter hervor. Er lachte aber und wurde nicht wütend. Meine Eltern sind beide mit Tieren aufgewachsen, auf Höfen, in ländlichen Gegenden. Da hielten sie wohl nichts davon, in der Großstadt in Sibirien auf sie zu verzichten. Die Kaninchen lebten dann für einige Jahre in einem sehr gut isolierten Käfig auf dem Balkon. Ich erinnere mich, wie ich sie im Sommer auf der Wiese habe laufen lassen oder ihnen regelmäßig von Mama und mir frisches Grünzeug gebracht wurde.

Nicht zu vergessen sind auch die Hühner. Ja, Hühner. Na ja, fast. Meine Mutter hatte einen runden Geburtstag und sagte zu Vaddern, dass er fünf oder sechs Hühner mitbringen soll, weil sie ein großes Essen plante. Vaddern tat ihr den Gefallen, allerdings hätte sie sich präziser ausdrücken sollen. Er brachte lebendige Tiere. Sie waren alle schneeweiß und ich habe keine Ahnung, wo er die in aller Welt her hatte. Blöderweise waren das aber nicht fünf Hühner und ein Hahn, wie ihm erzählt wurde, sondern fünf Hähne und ein Huhn. Und nun stelle man sich die Kakophonie am Morgen vor. Die Hühner bekamen ihre Flügel gestutzt und die Abstellkammer wurde zu ihrem Hühnerschlag. Ich erinnere mich noch genaustens an eine Begebenheit: Mopsi hielt mich bei der Hand und wir gingen die Treppen hoch zur Wohnung. Eine Nachbarin kam uns entgegen und Mopsi plauderte ein wenig mit ihr. Da sagt die Nachbarin, hinter hervor gehaltener Hand: „Irgendjemand in unserem Haus hat Hühner!“ und Mopsi reagierte auf die einzige mögliche Weise: „Echt?! Unfassbar!“ Ein Wunder, dass ich sie nicht verriet, weil ich noch weiß, dass ich zu ihr sah und dachte: „Aber das sind doch unsere Hühner!“ Das Gekrähe hat man auch in den Griff bekommen, in dem man das Licht im Abstellraum erst anmachte, wenn alle Menschen im Plattenbau wach waren.

Zu dieser Zeit, von all den Tieren umgeben, habe ich also mal wieder Mist angestellt. Wie schon erwähnt, schlief Vaddern. Ich spielte mit … genau, den Fischen. Er wurde von einem seltsamen Geräusch geweckt und fragte, was das sei. Ich entgegnete ganz selbstverständlich: „Die Fische schlafen.“ Irgendwann dämmerte meinem Vater, dass ich die zwei großen Goldfische in meinen (sauberen!) Nachttopf gesteckt hatte und den Deckel drauf gemacht habe. Meine Logik war unbestechlich: Im Aquarium brannte immer Licht – ich sah es ja immer nur tagsüber, also brannte es für meine Verhältnisse immer – und bei Licht schläft es sich nicht gut. Also wollte ich den Fischen mal etwas Gutes tun. Ich fing sie und setzte sie im Nachttopf ab. Deckel drauf, damit es dunkel wird. Und schon schliefen sie. Optional: Zappelten so laut herum, dass Vaddern zum Glück wach wurde. Ich habe damals das Konzept von Fischen noch nicht so ganz verinnerlicht gehabt und wäre sicherlich traurig gewesen, wenn ich die zwei Tiere umgebracht hätte, obwohl ich ihnen ja nur etwas Gutes tun wollte.

Die Zeiten unschuldiger, kindlicher Absichten. Oder so. Ich denke ich werde mir gleich mal eine Folge Nu Pagadi anschauen. Mein Vorstellungsgespräch lief übrigens überraschend gut. Ich weiß allerdings nicht, ob ich von den Kenntnissen her gut genug bin. Eine Antwort, ob sie es mal in einem Praktikum versuchen wollen oder nicht, steht aus. Mir würde es sehr gefallen, weil es ein kleiner Betrieb ist – unter zehn Menschen klein. Er strebt aber nach oben auf und die Referenzliste ist beeindruckend. Außerdem scheint das Klima sehr gemütlich und angenehm zu sein. In kleinen Betrieben muss man zwar die Arschbacken mehr zusammen kneifen, aber dafür ist man auch nicht in der Anonymität verloren. Und muss sich nicht so viele Namen merken. Zudem gefiel mir der Bereich, in dem sie sich angesiedelt haben und auch woran ich mitarbeiten würde, wenn sie es versuchen. Ich glaube ich könnte dort verdammt viel lernen und deshalb warte ich nun einfach mal ab und hoffe auf das Beste. Der einzige Kontrapunkt ist vielleicht, dass es 50 Kilometer Fahrt sind. Also 100 Kilometer am Tag. Aber andererseits vermisste ich tatsächlich die Zeit des Autofahrens fürs Träumen. Zeitgleich ist es jedes Mal bis zu eine verschwendete Stunde am Tag – also meiner Freizeit. Hat alles lichte und dunkle Seiten. Das Lichte überwiegt dieses Mal aber, weil der Betrieb sehr nah an der Autobahn liegt. Man fährt ab, biegt zwei Mal links und ein Mal rechts ab und ist da. Na ja, am Ende der Straße noch mal Links, aber wer wird schon kleinlich sein! Mal schauen, was sich ergeben wird. Nun sind erst Mal Wolf und Hase dran.

Sonntag, 2 April 2017

Eine Entschuldigung an die Schmetterlinge

Ich weiß nicht, ob ich mal von der Wildwiese schrieb, auf der auch mein grandios leckerer Pfirsichbaum steht. Dort gilt seit Jahren das Verbot für Vaddern (woran er sich oft nicht hält und dadurch immer Streit provoziert), dass er nichts schneiden, umgraben oder sonstwas darf. Die Pflanzen, inklusive Pfirsichbaum, sollen dort so wachsen, wie sie Bock haben. Das hat dafür gesorgt, dass jedes Jahr Tulpen hochschießen und von Jahr zu Jahr mehr werden. Vaddern hatte die Angewohnheit sie nach dem Abblühen zu schnell abzuschneiden. Hat den Pflanzen offensichtlich nicht gefallen. Richtig vermehrt haben sie sich erst, nachdem ich die Fläche zur Wildwiese erklärte.

Vorletztes Jahr kamen dann in einer Ecke Brennnesseln auf – die großen, die bis zu drei Meter hoch werden. Ich freute mich, weil ich Brennnesseln sehr gern mag. Sie liefern Schmetterlingen und mir Nahrung. Und der Brennnessel„tee“ ist mein liebster Aufguss. Letztes Jahr freute ich mich nicht mehr ganz so sehr. Ich hatte gehofft, dass sie sich nicht so schnell ausbreiten, aber gut 45% der Wiese waren nun von Brennnesseln okkupiert. Ich will aber eine gewisse Artenvielfalt da haben und nicht in 2-3 Jahren nur noch ein Nesselbeet. Schweren Herzens entschloss ich mich also die Nesseln dieses Jahr rauszurupfen – mit Wurzeln. Vaddern war ohnehin einverstanden einige der Nesseln einfach umzupflanzen, wo sie in Ruhe wuchern dürften. Ich sollte es natürlich besser wissen. Die hübschen Büsche, die ich zum umpflanzen vorsichtig rausholte, sind heute noch dort herumgelegen und gestorben, wo ich sie ihm gestern hingelegt hatte. Würde er gleich machen, hatte er gesagt. Vaddern-Gleich ist gleichbedeutend mit „gar nicht“.

Die Hälfte der Pflanzen habe ich samt ihrem verzweigten Wurzelsystem also gestern heraus gerupft. Mir taten die Füße vielleicht weh am Abend. Heute habe ich auch den Rest entfernt. Nun tun mir die Hände weh, wegen den groben Handschuhen und der Kraft, die ich aufwenden musste. Heute war nämlich der Horst dran, der am ältesten ist und der hat ziemlich derbe Wurzeln gebildet in den drei Jahren. Ich bin mir sicher (und hoffe es auch), dass ich nicht alles erwischte und es in ein paar Wochen oder auch nächstes Jahr wieder Nesseln auf der Wiese gibt. Das ist völlig in Ordnung. Ich werde sie also nur eindämmen, aber nicht ausrotten.

Außerdem habe ich wieder vier oder fünf Büschel zum Umpflanzen aufgehoben und es dieses Mal gleich selbst gemacht. Ich hoffe sie sind nicht zu beleidigt und nehmen ihr neues Zuhause an. Leider habe ich nicht rechtzeitig daran gedacht, dass ich die ganzen jungen Triebe auch hätte erst ernten können. Dann hätte ich aber auch nicht alle Wurzeln erwischt. Nun sind sie zu angewelkt, um sie noch zu verarbeiten, sonst hätte ich mir heute eine schön leckere Brennnesselsuppe kochen können. Meh. Unbedacht und dumm. Aber es gibt ja genug Orte, an denen man noch Nesseln ernten kann. Und wenn die kleinen Büschel anwachsen, kann ich auch wieder ernten. Vielleicht versuche ich auch ein kleines Büschel im Topf zu halten. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob das gut geht, bei einer Pflanze, die so verdammt groß wird.

Bevor ich mich der Wildwiese widmete und das eigene Verbot brach, habe ich mich wieder ein wenig in Java herumgetummelt und einen Primzahlenrechner geschrieben. Dank meiner grandiosen Unfähigkeit Dinge nicht erklären zu können und bei Vorstellungsgesprächen mit Blackouts zu Dingen zu reagieren, die ich eigentlich weiß, habe ich genau diese Aufgabenstellung nämlich mal verkackt. Also habe ich das jetzt nachgeholt und daran getüftelt und jetzt habe ich einen Primzahlenrechner. Woohoo. Als nächstes ist eine Aufgabe dran, die wir auch in der Schule hatten, aber ich bin mir sicher ich habe schon wieder vergessen, wie man am Besten herangeht: Das Berechnen von Schaltjahren. Als nächstes dann Ostern. Das könnte ich für meine kleine Taschenrechner-App auch nutzen. Ich habe viel zu viel vor und noch nicht mal ein Design fertig. Kommt davon, wenn man lieber programmiert, als herum zu designern. Außerdem werde ich wohl den gesamten Code und alle Klassen umschreiben, weil die Taschenrechner-App eine Übungsaufgabe zu Beginn der Java-Karriere war. Auch wenn ich noch sehr weit weg von einem Profi und Semiprofi bin, hat sich die Art zu programmieren doch verändert und man ist besessen von Lesbarkeit des Codes geworden und überlegt minutenlang nach aussagekräftigen Namen für die Variablen und Klassen und Methoden… Dabei habe ich mit Namen schon so meine Probleme bei Geschichten. Den richtigen Namen für einen Protagonisten zu finden ist manchmal sehr schwer. Das beweist mir der Halbelf aus dem FAS seit über fünf Jahren. Der kleine Bastard!

Schreiben und Programmieren ist aber nicht gerade die genialste Idee, wenn die Hände leicht eingeschnappt und müde von der Gartenarbeit sind. Ich verhaspel mich hier die ganze Zeit und nutze Backspace häufiger als E. Den Buchstaben, nicht die Zahl. Aber schreiben wollte ich diesen Eintrag unbedingt. Im Februar und im März habe ich die Sonntage verschusselt oder einfach absolut keine Lust gehabt irgendetwas zu schreiben. Das ist wieder vorbei. Ich will es noch immer nicht fix am Sonntag festsetzen, aber es ist ein wirklich guter Anfang. Also ist im April wieder mit wenigstens vier Einträgen zu rechnen. Hoffe ich. Wenigstens konnte ich auch im März noch zwei unterbringen. Langsam komme ich also wieder. Es gibt eigentlich wirklich viel zu erzählen. Wenn ich einfach Mal beschreiben würde, wie ich so ticke, dann könnte ich hier täglich zehntausend Worte verfassen. Es schwebt mir auch vor ein, zwei Dinge wirklich festzuhalten, weil ich gespannt bin, ob sich diese Art an mir schon in wenigen Jahren wandeln wird und ich den Rückblick haben möchte. Mal schauen, ob ich morgen Abend die Laune haben werde etwas zu schreiben – um 14 Uhr habe ich nämlich ein Vorstellungsgespräch. Ich wundere mich, wieso ich ausgerechnet dabei immer derart versage. Prüfungsangst hatte ich nämlich nie und was ist diese Situation, wenn nicht eine Prüfung? Na ja. Irgendwann wird sich schon irgendjemand erbarmen und es einfach versuchen. Dann merkt derjenige, dass die Zippe doch nicht so dumm ist, wie sie im ersten Moment erschien und dass es gar keine so schlechte Idee war mir eine Chance zu geben. Vielleicht denkt sich das ja schon morgen jemand. Ich bin gespannt.